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Peilend zwischen

Aufruhr und Unterwerfung

Irene Weiss Eklung,
die Schwester auf der Suche nach einer Heimat


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„Meine Liebe zu ihnen war ambivalent gewesen – vermischt mit Bitterkeit und Abhängigkeit, mit Hoffnung und Entäuschung...“

  

Der ältere Bruder war begabt und der jüngere war es auch. Beide wurden sie Schriftsteller und gegenseitig Rivalen. Kein leichter Stand für eine Schwester. In ihrem Lebensbericht gibt Irene Weiss-Eklund Einblicke in eine Familie, die wir aus der Literaturgeschichte gut zu kennen glauben.

 

„Jenö ist hier nicht mehr sicher.“ Mit diesen Worten eröffnete die Mutter an einem schönen Sommerabend 1938 den drei Kindern, dass ihr Vater Jude sei. Ein zum Protestantismus konvertierter Jude zwar, doch angesichts der nazideutschen Verfolgung bedeutete dieser feine Unterschied nichts. Die Familie Weiss lebte in diesem Sommer bereits in ihrer zweiten Exilstation: im böhmischen Warnsdorf an der Grenze zu Deutschland. Die dritte Etappe ins schwedische Alingsås sollte kurz bevorstehen.

Die Mutter sprach, der Vater schwieg, wie er es meist tat, „wenn etwas Schwieriges bevorstand“. Mit ihrem Geständnis wurde eine Grenzlinie überschritten. Irene Weiss-Eklund beschreibt es wie folgt: „Die Emigration nach England und Warnsdorf war für mich wie ein Umzug gewesen – Schweden dagegen bedeutete EMIGRATION. Ich wusste nun, dass mein Vater jüdischer Herkunft war ...“

Das Leben der Familie Weiss ist aus der Literaturgeschichte gut bekannt: „Abschied von den Eltern“ heisst das kongeniale Prosawerk, mit dem Peter Weiss (geb. 1916) 1960 seinen Ruf als Schriftsteller begründet und mit dem er sich schreibend von seinem Elternhaus befreit hat. Das Buch stilisiert allerdings die tatsächlichen Verhältnisse. Es ist gewissermassen ein literarischer Selbstentwurf des jungen Autors als Rebell und Aussenseiter.

Vergleichbares gilt für den schwedisch geschriebenen Prosatext „Fragment“, in dem der acht Jahre jüngere Alexander Weiss seine Version der Familiengeschichte aus eigenwilliger Sicht wiedergegeben hat.

Interessanterweise erwähnen sich die beiden Brüder gegenseitig nur lapidar am Rande. Und die Schwester bleibt ganz ausgeklammert. Mit ihrem Lebensbericht eröffnet Irene Weiss-Eklund (geb. 1920) nun eine dritte Sicht auf die Familiengeschichte, die insofern wahrheitsgetreuer ist, als sie selbst keine literarische Maskerade betreibt und beiden Brüdern Gerechtigkeit widerfahren lässt. Sie hat Peter wie Alexander gern gehabt und für ihr Talent bewundert, mit beiden ist sie gut ausgekommen.

Der vielleicht zentrale Grund, weshalb sie in der brüderlichen Erinnerung nicht vorkommt, liegt darin, dass in der Familienmythologie die Stelle der Schwester durch die 1922 geborene und 1936 bei einem Autounfall tragisch ums Leben gekommene fest Margit besetzt war. Sie war der Engel, die Muse, die Leerstelle, das Symbol für Unbehaustheit und Trauer. Irene stand zeitlebens in ihrem Schatten, sie litt darunter, dass die Mutter der Verstorbenen nachtrauerte und der Lebenden die erhoffte Zuneigung vorenthielt.

Davon nachhaltig beeindruckt, versuchte Irene Weiss-Eklund ihren eigenen Weg zu gehen. Gegen elterlichen Widerstand heiratete sie den Mann ihrer Wünsche, später schloss sie als dreifache Mutter eine Ausbildung als Tanzpädagogin ab und arbeitete erfolgreich in diesem Beruf. Doch Wehmut und Zorn sind zurückgeblieben. Wie ihre Brüder bilanziert auch sie eine Distanz gegenüber dem schweigenden Vater und der herrischen Mutter. „Sie blieb die grosse Mutter, die keines von uns Weiss-Kindern je richtig erreichen konnte, obwohl sie sich bisweilen alle Mühe gab, ein wärmeres Verhältnis zu uns zu entwickeln.“ Dies bestätigte Peter Weiss auf seine Art: „Peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung“ begegnet er ihr im Abschied-Buch.

Im Unterschied zu ihren Brüdern aber nuanciert Irene Weiss-Eklund, frei von literarischer Konstruktion oder Koketterie, stärker. Peter erscheint als rebellischer wie lachender Bruder, der zu späten Ruhm gelangt; Alexander zeigt sich mal charmant, mal cholerisch und launisch. Vor allem aber erhält die schwierige Beziehung zwischen den beiden Brüdern aus dieser neutralen Perspektive schärfere Konturen als in deren autobiographischen Texten oder in Peters frühem Drama „Der Turm“.

Der Hinweis auf den Bruder Peter Weiss im Untertitel mag störend wirken. Ein Lebensbericht bedarf nicht der Legitimation durch eine zweite Person. Andererseits ist er hilfreich, weil dieses Buches seine Legitimation vor allem aus der Differenz zu Peters und Alexanders Werk bezieht und deren literarisches Verfahren kenntlich macht. „Auf der Suche nach einer Heimat“ ist ein stilistisch eher schlichtes, beschreibendes Buch, in dem die zentralen Konflikte zuweilen hinter Alltäglichkeiten verborgen bleiben. Seine Besonderheit liegt darin, dass sich mit ihm eine dritte Perspektive auf die Geschichte der Familie Weiss im Exil ergibt. Während die Eltern in der Anspannung zueinander hielten, öffnete sich eine Kluft gegenüber ihren Kindern. Angst vor Einsamkeit und Gefühle der Heimatlosigkeit prägen bei allen dreien die Erinnerung ganz zentral. So haben sie, wie es Alexander Weiss ausdrückte, „eine Heimat in der Heimatlosigkeit gesucht und gefunden.

 

 

Irene Weiss-Eklund: Auf der Suche nach einer Heimat. Das bewegte Leben der Schwester von Peter Weiss. Aus dem Schwed. von Gabriele Haefs. Scherz Verlag, Bern, München, Wien 2001. 224 S., 39.90 Fr.

 

Vision einer Gesellschaft der Vernunft. Peter Weiss' langer Weg in den Sozialismus

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