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Wie Dornröschen seine Unschuld gewann

 

Archäologie der Märchen

von Severin Perrig & Beat Mazenauer


"...an absolutely fascinating read" (Marvels & Tales, vol. 11, 1997)


"Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen." Der Schriftsteller Robert Musil hat genau erfaßt, wie komplex sich das Phänomen Dummheit präsentiert. Wer ernsthaft darüber nachsinnt, verheddert sich selbst darin. Zudem ist es einfach, die andern für dumm zu halten. Viel unbefangener können dagegen Märchen von der Dummheit erzählen. Indem sie deren mannigfachen Formen in anschauliche Geschichten kleiden, geben sie beredtes Zeugnis davon, was zu verschiedenen Zeiten für dumm gegolten hat. Nur allzu oft gleichen sich diese Geschichten.

Dies zu zeigen versucht die respektlose Märchenbetrachtung aus literatursoziologischer Perspektive "Wie Dornröschen seine Unschuld gewann. Archäologie der Märchen" (Kiepenheuer Verlag, Leipzig). Gemeinhin gelten Märchen ja als Geschichten, die sich über Jahrtausende hinweg auf mündlichem Wege überliefert haben. So jedenfalls wird es uns erzählt. So wie eben Märchen erzählt werden. In ihrer Lesart indessen ist das Märchen vom tausendjährigen Märchen bloß erfunden worden, weil es den Brüdern Grimm gut gefallen hat. Im Grunde stellen Märchen aber ganz andere Fragen, zum Beispiel: Welcher Dummheit verdankt sich die erfolgreiche Märchenkarriere?


Welche Unmoral verbirgt sich hinter diesen Märchen?

Und was hat dies mit den Brüdern Grimm zu tun?


 

Märchen geistern ohne Rast und Ruh durch die Welt. Voller Andacht lauschen ihnen die Menschen und erkennen darin Botschaften vom Leben und Sterben, von Ewigem und Vergänglichem beantwortet.

Dieser Mythos vom Märchen als einer Summe tausendjährigen mündlichen Erzählens geistert seit dem Wirken der Brüder Grimm umher. Aus ihrer Sammlung der "Kinder- und Hausmärchen" kennen wir ihre Geschichten. Allein Märchen können auch andere Gestalt annehmen: etwa von hochgradig zeitverhafteten Texten, in denen reale Ängste und konkrete Irritationen ausgetauscht, mit andern geteilt werden. In diesem Sinne erweist sich das Märchen als wesentlich älter als die Grimmsche Definition. Vom neapolitanischen Edelmann Giambattista Basile erschien 1634-36 das "Pentamerone" und der Frühaufklärer Charles Perrault verfaßte um 1690 elf Geschichten, die auch die Grimm-Brüder sehr wohl gekannt und benutzt haben. Basile und Perrault demonstrieren, daß sich Erzähltes und Erzähler gleichen. Entscheidend für die Gestalt der Märchen sind soziales Umfeld und historisches Bewußtsein; deshalb schrieben Basile erotische, Perrault höfische und die Grimms kinderpädagogische Geschichten - mit entsprechenden Unterschieden.

Was Severin Perrig und Beat Mazenauer mit ihrem sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Vorgehen zutage fördern, erscheint ungeheuerlich für die traditionelle Märchenforschung. Alles könnte anders gelesen werden: Dornröschen als Medizinal-Story, Blaubart als Diskurs über Misogynie, Rotkäppchen sozial-politisch, Aschenputtel als Kanzelpredigt und der Dummling als Geschichte eines Karrieristen.

Unter der Prämisse, daß es sich bei Märchen in erster Linie um literarisch tradierte und hochgradig zeitverhaftete Texte handelt, haben die beiden Autoren zu den fünf genannten Märchenstoffen Variationen aus zwei Jahrtausenden zusammengetragen und kritisch kommentiert - ohne dabei die Lust am Lesen und am Erzählen zu vergessen.

 


Beat Mazenauer / Severin Perrig: Wie Dornröschen seine Unschuld gewann. Archäologie der Märchen. Mit einem Essay von Peter Bichsel, Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1995. 368 Seiten, 35.80 Franken. Auch als DTV-Taschenbuch Nr. 30670.


 

Rätselhaft und grotesk ?

Was hat es mit jener Meldung auf sich, die im Frühjahr 1996 durch die Zeitungen geisterte.


(AP) Eine im Koma vergewaltigte 29jährige Frau hat am Montag in Rochester (New York) ein Baby auf die Welt gebracht. Der durch Kaiserschnitt entbundene Bub ist ebenso wie die 29jährige Mutter in relativ gutem Zustand. Die Eltern der Frau, die seit einem Autounfall im Dezember 1985 im Koma liegt, hatten sich nach Entdeckung der Schwangerschaft gegen eine Abtreibung entschieden.


Dieses Rätsel vermag weder ein Essay über das Dornröschen-Märchen noch eine Betrachtung über Märchen, Gerüchte und moderne Medien aufzulösen. Aber das Geschehen wirkt nachher zumindest etwas weniger mysteriös.

 

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