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Eine Surftour
über Märchen
und Internet



Wahre Gerüchte

"Wie fein wir doch über Tatsachen, die wir missverstanden haben, zu philosophieren wissen!"
(L. Sterne, Tristram Shandy)

 

Es war einmal eine schöne junge Frau, die stach sich beim Spinnen und fiel augenblicklich in einen tiefen Schlaf. Nachdem sie von ihren betrübten Eltern in einem unzugänglichen Schlossturm aufgebahrt worden war, drang räuberisch ein Prinz bei ihr ein und verlor ob ihrer Lieblichkeit die Kontrolle über seinen Triebhaushalt. Er verlustierte sich an der Totgeglaubten und entschwand wieder. Jene aber schenkte einige Monate später einem Knaben das Leben...

Diese Geschichte von Troylus und Zellandine stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert und ist Teil eines Ritterepos, des "Roman de Perceforest". Trotz einiger irritierender Abweichungen erinnert sie nicht zufällig an das bekannte Dornröschen-Märchen, das aus eben dieser Quelle entsprungen ist. Seit jeher ranken sich im europäischen Erzählkosmos ungezählte Geschichten um die Motive Scheintod, Vergewaltigung und Geburt. Das Märchen von der "Schönen im Walde" ist eine davon, andere sind Kleists "Marquise von O...." oder Edgar Allan Poes Erzählung "Lebendig begraben". In ihnen manifestiert sich die Unsicherheit der Menschen gegenüber dem Funktionieren ihres Körpers. Erst seit 200 Jahren haben wir ja exakte Kenntnis darüber, was bei einer Zeugung passiert oder wie der Tod eines Menschen zweifelsfrei festzustellen ist. Doch das sind alte Geschichten.

Umso mehr muss folgende Meldung überraschen, die am 20. März 1996 über die Ticker der Agenturen lief: "(AP) Eine im Koma vergewaltigte 29jährige Frau hat am Montag in Rochester (New York) ein Baby auf die Welt gebracht. Der durch Kaiserschnitt entbundene Bub ist ebenso wie die 29jährige Mutter in relativ gutem Zustand. Die Eltern der Frau, die seit einem Autounfall im Dezember 1985 im Koma liegt, hatten sich nach Entdeckung der Schwangerschaft gegen eine Abtreibung entschieden."

Nicht göttlicher Beistand oder Feen-Hebammen halfen diesmal bei der Entbindung, sondern fachlich befugte Ärzte. Ob die Geschichte deshalb wahr ist? Die Frage muss vorläufig offen bleiben.

Doch mit der Unsicherheit, die uns angesichts dieser irritierenden Verwandtschaft von zwei ganz unterschiedlichen Geschichten beschleicht, sehen wir uns tagtäglich konfrontiert - vorausgesetzt wir wollen sie wahrnehmen. Nicht nur in der Sparte "Vermischtes", auch unter den politischen und wirtschaftlichen Rubriken lesen wir in der Zeitung beispielsweise Meldungen, deren Seriosität auf Anhieb nicht zweifelsfrei zu durchschauen ist. Ähnliches widerfährt uns auch am Fernsehen, obgleich dessen bewegte, farbige Bilder erst recht Realität vorspiegeln. Gerücht oder Wirklichkeit, Märchen oder tatsächliche Begebenheit? Konkreter gefragt: Wie fundiert ist ein inoffizieller Verdacht? Was vermögen Statistiken zu beweisen? Wer überbringt die Nachricht und wo sitzt die Quelle? Welche Interessen verbergen sich dahinter?

Nur zu oft piesacken uns solche Fragen, ohne dass wir sie aufzulösen vermöchten.

Solche Ungreifbarkeit des Tatsächlichen bildete schon immer den besten Nährboden für Gerüchte. Weil das Vorgefallene ausserhalb unseres persönlichen Erfahrungsbereichs liegt, müssen wir uns auf Vermittler aller Art verlassen: Kommuniqués, Nachrichten, Geschichten, Klatsch. Ihnen allen wohnt der Virus des Gerüchts inne. Die oben zitierte AP-Meldung klingt glaubwürdig, gerade weil sie in verschiedenen Zeitungen erschienen ist und so mehrfach Bestätigung erfahren hat. Die Version aus dem alten Ritterepos demgegenüber wird allein schon wegen ihres literarischen Charakters für fiktiv, also unglaubwürdig gehalten. Doch Vorsicht: Unumstössliche Wahrheiten können sich erstens als falsch erweisen, und zweitens reklamieren auch die sogenannten "Wandersagen" (Urban legends), die rings um den Globus in verschiedensten Variationen umhergeistern und in Zeitungen immer wieder abgedruckt werden, für sich Wahrhaftigkeit.

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Mit dem Phänomen Gerücht befasst sich seit Jahren der französische Soziologe Jean-Noël Kapferer. 1987 (dt. 1996) ist von ihm eine lesenswerte Studie dazu erschienen. Darin hat Kapferer das Gerücht definiert als interessante Nachricht aus inoffizieller Quelle, deren Mehrdeutigkeit Raum für die individuelle Phantasie lässt. Oftmals liegen ihm beunruhigende Sachverhalte, unerklärliche Phänomene und unbewusste Ängste zugrunde. Weitergegeben werden Gerüchte in einem kollektiven Diskussionsprozess, innerhalb dessen sie ungeprüft als 'subjektiv richtig', also glaubwürdig weitererzählt werden, dabei aber allmählich von ihrer benennbaren Quelle wegdriften und mit Eigendynamik im Ungewissen, Ungreifbaren aufgehen. Dabei macht es im Grunde keinen Unterschied, ob wissenschaftliche Thesen argumentativ diskutiert oder Alltagsgeschichten mit der reinen Lust am Erzählen ausgetauscht werden.

Gerüchte sind demnach Vermutungen, die richtig und falsch sein können. So wie sie Lügen streuen, vermögen sie auch offizielle Verlautbarungen vorwegzunehmen oder deren kalkulierte Desinformation zu unterwandern. Wer zuerst von den Entlassungen erfährt, kassiert den Börsengewinn. Wer den staatlichen Nachrichten nicht traut, verlässt sich auf "unabhängige Medien" und auf die Flüsterpropaganda.

Das konkrete Wirken eines Gerüchts hat 1969 erstmals Edgar Morin am berühmten Beispiel des Mädchenraubs von Orléans dokumentiert. In (oftmals jüdischen) Modeboutiquen, wurde geflüstert, seien junge Mädchen verschwunden und an orientalische Harems verkauft worden. Namentliche Fälle liessen sich zwar nicht nennen, dennoch hielt sich das Gerücht hartnäckig. Erstmals war es 1966 in Rouen herumerzählt worden, 1968 in Le Mans und 1969 eben in Orléans, periodisch tauchte es danach in weiteren Städten auf. Kapferer erwähnt einen letzten Fall aus dem Jahr 1985. Doch, so vergisst er nicht anzumerken, ähnliches Gerede sei schon 1922 respektive 1820 in Paris herumgegeistert.

Oberflächlich besehen scheinen sich solche Gerüchte unkontrolliert, chaotisch auszubreiten. Doch Kapferer widerspricht einer solchen Vorstellung, denn sie sind "keineswegs mysteriös, sondern gehorchen einer zwingenden Logik, deren Mechanismen sich im einzelnen analysieren lassen." Vor allem widerspiegeln sie, auch wenn sie sich objektiv als unwahr erweisen, was Menschengruppen "insgeheim denken und verdrängen". Gerüchten wohnt häufig ein moralisches Gebot inne: im erwähnten Fall der Schutz der Kinder und Mädchen. Auch Angst vor Krankheit, Respekt gegenüber der bedrohlichen Natur sowie Flucht in Sündenbock- und Verschwörungs-Theorien liegen ihnen stereotypisch zugrunde. Andere Gerüchte wiederum haben ihre Wurzeln in der politischen und wirtschaftlichen Intrigenküche, entspringen schlichten Missverständnissen oder bezeugen ganz einfach das ewige Bedürfnis nach Geschichten, Sensation und Unterhaltung. Auf diese Weise halten südländische Meisterdiebe, geisterhafte Autostopper oder entfremdete Wildtiere unsere Phantasie beständig auf Trab. Unter der Rubrik "Vermischtes" tauchen sie jeweils in der Zeitung auf, Boulevard-Blätter blasen sie häufig gar zu fetten Titelstorys auf.

Auch wenn es das typische Gerücht nicht gibt - zu gross ist die inhaltliche Vielfalt -, lassen sich eben doch Gemeinsamkeiten bezüglich Erzählmuster, Funktionen, Wirkungsweisen erkennen. Eine sticht dabei besonders heraus: Gerüchte lassen sich nicht dementieren. Etwas bleibt immer hängen, weil das Dementi in der Logik des Gerüchts nicht als Berichtigung, sondern als heimtückische Vertuschung wahrgenommen wird. Dies macht die Verteidigung gegenüber Gerüchten zur heiklen Angelegenheit, zur "gefährlichen Kunst". Sie wird auch nicht durch das allgemeine Recht auf Berichtigung erleichtert, im Gegenteil. Durch eine in Zeitungen meist verschämt am Rand eingerückte Korrektur-Notiz steigt die Chance, dass noch mehr Menschen von dem fraglichen Gerücht Kenntnis erhalten.

Der tiefere Grund für das Versagen von Dementis liegt freilich anderswo, wie Experimente gezeigt haben. Gerüchte wirken selbst bei denen, die nicht an sie glauben. Seine Überzeugungskraft lässt sich demnach am besten dadurch brechen, dass Gerüchte neu, positiv besetzt werden oder dass von ihnen abgelenkt wird. Im Falle des Mädchenraubs von Orléans scheint eine solche Gegenstrategie nicht gelungen zu sein. Mochte die Geschichte auch noch so unglaubwürdig klingen, sie kehrte immer wieder zurück und passte sich der neuen Umgebung an.

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So weit, so gut. Gerüchte erzählen, lässt sich hier einwenden, irgendwelche Märchen, Legenden und Geschichten, die den wahrhaft aufgeklärten Menschen als unwahre Phantastereien erkennbar sind. Mag sein. Allein das Gerücht stellt nicht bloss die Wahrheit auf die Probe: Es stellt sie in Frage und zugleich stellt es die Frage nach der Wahrheit. Ist wahr, was wir "wahr"nehmen? Und wie erkennen wir überhaupt Wahrheit? Wessen Wahrheit gilt? Welches heutige Gerücht wird morgen als unumstössliche Tatsache überliefert werden und welche heutige Tatsache morgen jeglichen faktischen Glanz verloren haben?

Wahrheit erstreben wir als "Sicherung gegen den Irrtum, gegen die Täuschung durch die Erfahrung, durch die Sinne, durch den Willen, ja durch Gott, der vielleicht ein trügerischer Geist sein möchte" (Jürgen von Kempski). Derweil es absolute Wahrheit aber höchstens als Idee gibt, bergen Gerüchte sehr oft ein oder mehrere Quentchen Wahrheit in sich. Sie nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Eine Wahrheit aber, die auch nur ein bisschen flunkert, verwandlt sich umgehend in ein Gerücht.

Im täglichen Mediengeschäft hat die Wahrheit (in der pragmatischen Bedeutung von tatsächlichem Geschehen) harten Proben und Beugungen standzuhalten. Fette Schlagzeilen und darauf folgendes Schweigen signalisieren einen Schwebebereich zwischen Sage, Klatsch, Information, wissenschaftlicher Expertise und instrumentierter Nachricht. Gerüchteweise wird derart die alte Folklore mit dem modernen Scoop-Journalismus kurzgeschlossen. Von ihrer narrativen Struktur her gleichen sich ja News und Gerüchte, Sagen, Märchen: Bebildert und gedruckt erhalten wir etwas erzählt, was ausserhalb unseres eigenen Erfahrungsbereichs gewesen ist oder gewesen sein soll. Deshalb sind wir auf die Wahrhaftigkeit des Wahrzunehmenden angewiesen, haben wir es zu glauben. Nur allzuoft freilich säuft in den medialen News-Inszenierungen die "Realität" ab, dafür erhalten wilde Gerüchte den Stempel des Wahrhaften aufgedrückt. Ich glaube, was ich lese, was ich sehe! Anders jedenfalls ist nicht zu erklären, dass mit der Perfektionierung der Nachrichtenmedien nicht nur die Häufung von "Yucca-Spinnen", sondern auch die von spektakulären Medien-Enten zugenommen hat, sei es unfreiwillig, aus gutem Glauben oder PR-gerecht zurechtgemodelt. (Auch das Gegenteil übrigens ist möglich: Tatsächliches wird heimtückisch zum Gerücht gestempelt.)

Der Journalist Burkhard Müller-Ullrich hat einige der spektakulären Medien-Ereignisse der letzten Jahre recherchiert, mit besonderer Berücksichtigung der politisch korrekten, gut gemeinten Information. Weder Taslima Nasrin und das Waldsterben noch die Kriege im Golf oder in Bosnien vermögen seine professionelle Skepsis zu überwinden. Mit einigem Recht, wie seine Nachforschungen belegen. Im gängigen Infotainment fördert er massive Ungereimtheiten und Fälschungen zutage und entzaubert sie als mediale Inszenierungen. Als Paradebeispiel dient ihm die Legende vom Organraub: "Nichts daran ist wahr, die ganze Story ist purer - allerdings gefährlicher - Humbug." Folgen wir Müller-Ullrichs Argumentation, so entstand die undurchsichtige Geschichte 1993 mit einem preisgekrönten Film der Journalistin Marie-Monique Robin. Sie erzählt von einem Knaben, dem im zarten Alter von acht Monaten ohne Einwilligung weder des Opfers noch seiner Eltern die Hornhäute herausoperiert worden seien. Obgleich der Fall in etlichen Punkten zu Fragen Anlass gibt, regte er zahlreiche weitere Medien-Recherchen zum Thema an, die als Hauptquelle immer wieder die besagte Marie-Monique Robin anführten. Zuletzt erhielt die Brasilianierin Ana Beatriz Magno im März 1996 sogar vom spanischen König Juan Carlos persönlich einen Publizistikpreis für ihre mutmasslich getürkte Zeitungsserie über Organhandel überreicht. Dessen ungeachtet scheinen die aufgedeckten Untaten den medizinischen Sachverhalten zu widersprechen. Werden die Zeugen vielleicht deshalb (und nicht zu ihrem Schutz) vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten?

Blenden wir an dieser Stelle drei Jahrhunderte zurück. Im Jahr 1702 besucht der Zürcher Naturforscher und Gelehrte Johann Jakob Scheuchzer auf seiner ersten Alpenreise die Surenenalp zwischen Altdorf/Uri und Engelberg. Scheuchzer lässt sich von einem Einheimischen führen und die Gegend erklären. Dieser freut sich über das Interesse des ortsfremden Gelehrten und erzählt ihm nebst naturkundlichen Beobachtungen auch ein paar kurzweilige Anekdoten. Reisende wollen ja auch unterhalten sein und zuhause etwas erzählen können. Zwei Jahrzehnte später erscheint Scheuchzers Reisebericht "Itinera per Helvetiae Alpinas Regiones", worin er auch seinen Surenen-Besuch im wissenschaftlichen lateinischen Stil seiner Zeit abhandelt. Diese Alp liege zwischen "steilen Fels-Klippen" und sei reich an Kräutern und Weiden, beschreibt er und gibt dann auch eine Geschichte wieder, die ihm erzählt worden ist. Demnach habe hier "vor etlich hundert Jahren" ein Älpler ein geliebtes Lamm taufen lassen, das sich daraufhin in ein reissendes Ungeheuer verwandelt habe. Erst ein mächtiger Stier habe die Gegend von diesem "Greiss" befreien können. Flurnamen sowie Hufabdrücke in Stein würden noch davon künden. Eine nette kleine Geschichte für einen Touristen, der sie weitererzählt. 1865 stösst auch der Sagenforscher Alois Lütolf darauf und erzählt sie nach literarischen Gesichtspunkten neu als "Sage vom Uristier". Auf einmal scheint er all die Details zu kennen, die Scheuchzer noch verborgen geblieben waren. Unversehens mutiert dergestalt die anekdotische Auflockerung zur moralischen Exempelgeschichte, in der sich das 19. Jahrhundert wiedererkennen kann.

Dieser Weg von der Randbemerkung zur Gründungssage widerspiegelt einen Prozess, den häufig auch moderne Medien-Geschichten nachvollziehen. Das Angebot reagiert dabei auf die Nachfrage, das heisst auf die Erwartungshaltung eines Publikums, das gewillt ist zu glauben, eine Geschichte wahrzunehmen. Für die Medien lautet die grundlegende Frage: wie erzähle ich das Alte von neuem packend, neu verpackt. Die hunderste Meldung über den selben Sachverhalt bedarf einer erzählerischen Aufwertung durch neue Aspekte: wirksam erprobte Gegenmittel, peppige Theorien oder besonders tragische Fälle. Das Publikum will nicht Wiederholungen, sondern Geschichten lesen, sei es auch im Stadium der reinen Mutmassung, des Gerüchts also. Unter diesem Blickwinkel wird die erzählstrategische Formel von den "gut unterrichteten Kreisen" und den "verlässlichen Quellen" ins rechte Licht gerückt. Zumindest Vorsicht scheint in solchen Fällen geboten. Die Grenze zwischen "Wanderlegenden" (wie sie Rolf Brednich in "Die Spinne in der Yucca-Palme" gesammelt hat) und sensationell aufgemachten Enthüllungsstories ist oft kleiner als wir wahrhaben möchten. Sie spielen beide mit den Erwartungen des Publikums, indem sie sie vollauf erfüllen. Agenturmeldungen wie die des zerstreuten Professors, der seine wertvollen Bücher statt den Zügelmännern der Müllabfuhr mitgibt, oder des Diebs, der beim Einbruch in einer Schreinerei einen Finger zurücklässt (beide sda 1996), variieren bloss längst bekannte Geschichten und Stereotypen.

Vergleichbar geht es zuweilen auch auf dem Markt der politischen News zu. Dagegen erhebt Burkhard Müller-Ullrich zurecht Einspruch. Die permanente Sensationalisierung führt letztlich nur dazu, dass die lauteste, grellste, tragischste Meldung wahrgenommen wird, das Einzelne aber als Marginalie in der Nachrichtenflut verschwindet. Heute sind es tausend Opfer, morgen zehntausend, wer bietet mehr...? "In unserem Informationskosmos, wo es zwischen richtig und wichtig und nichtig keinerlei Unterschied mehr gibt, ist jeder Tag erster April." Sein Appell an die Seriosität und an den Zweifel ist so sicherlich nachvollziehbar.

Freilich tappt Müller-Ullrich selbst in die Falle des richtigen Wissens, das es je länger je weniger mehr gibt. Er kreiert gleichsam ein Märchen in zweiter Ordnung: in der Gewissheit um das Ungewisse, im Wissen um das Wahre. Ein Märchen deshalb, weil im Zwielicht des Wahren die Konturen zwangsläufig verwischt werden. Gibt es eine objektive Wahrheit? Oder ist nicht alles Wahre nur subjektiv für wahr genommen? Ist das weit verbreitete Gerücht wahrer als das kaum geglaubte Tatsächliche? Darf Müller-Ullrichs Recherchen denn zweifelsfrei vertraut werden oder geben sie nicht auch einen (wiewohl skeptischen) Ausschnitt aus einer zusehends intransparenten Nachrichtenlage wieder?

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Gerüchte, Fälschungen, Lügen sind seit Erfindung des Pressewesens wesentlicher Bestandteil dessen. Hinter ihnen verbergen sich strategische Interessen, sei es unterhaltender, wirtschaftlich-politischer, populistischer, ideologischer, subversiver, ironischer oder künstlerischer Art. Wertfreiheit gibt es nicht. In den 10er Jahren verbreitete der Österreicher Arthur Schütz sogenannte "Grubenhunde": fingierte Meldungen, deren Enttarnung das Misstrauen fördern sollten. Zu spielerischem Zwecke lancierte der Dadaist Walter Serner 1920 in der Presse das Gerücht, er habe anlässlich des (geblufften) dadaistischen Weltkongresses in Genf auf Tristan Tzara geschossen. Orson Welles "live" am Radio inszenierte Science Fiction-Geschichte über die Invasion von Marsmenschen führte 1938 zu Panik unter den Zuhörenden. Ein Schwindel der besonderen Art stellte 1996 die Debatte um den Physiker Alan D. Sokal dar. Unter dem Titel "Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity" veröffentlichte er in der Zeitschrift "Social Text" einen sensationellen Aufsatz, den er andernorts allerdings gleich selbst als Schwindel entlarvte. Indem er sich selbst Jargon zu eigen machte, kritisierte er die Macht der Wissenschaftskritik. Das Einsehen hatten jene, die den Schwindel ernst nahmen. Doch Sokals umfangreicher, mit vielen Anmerkungen bestückter Text macht deutlich, dass es letztlich um mehr als um Spass ging: nämlich um einen Machtkampf zwischen "exakter" und "kritischer" Wissenschaft, bei dem alle Mittel eingesetzt werden.

Besondere Aufmerksamkeit wurde der "Sokal-Affair" auf dem Internet zuteil. Dieses bietet heute den wohl besten Ausdruck für das sich verflüssigende Bild der Wirklichkeit. Es ist das Gerüchtemedium, die Gerüchteküche par excellence. Nirgends lässt sich weniger mehr zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit unterscheiden.

In alter Zeit funktionierte der Austausch von Nachrichten durch mündliches Erzählen, also in direktem Kontakt von Überbringer und Empfänger. Standardisierte und ritualisierte Erzählmuster halfen dabei, Geschichten wie Geschichte über längere Zeiträume hin zu bewahren. Mit der Erfindung der Schrift und schliesslich des Buchdrucks erhielt das Nachrichtenwesen eine Form, die Nachrichten festgeschrieben über Generationen hinweg aufbewahren konnte. Diderots und d'Alemberts "Encyclopédie" stellte hierin einen Höhepunkt dar, weil in diesem Werk die Totalität des Wissens, der Welt eingefangen werden sollte. Doch die Anonymität ermöglichte die Objektivierung von Wahrheiten ebensogut wie von Lügen. Technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Umbrüche führten ab dem 19. Jahrhundert sodann zu einer Beschleunigung des Nachrichtenwesens, das über die Stationen Massenpresse, Telefon, Radio, Fernsehen, Satellitenübertragung ins Zeitalter der Echtzeit-Information ("live") fortschritt. Je weiter dadurch Nachrichtengeber und -empfänger auseinanderrückten, desto kürzer sind die Zeitintervalle geworden, bis sich die Spanne zwischen Früherkennung und Bewahrheitung von Meldungen schliesslich auf Null reduziert hat und keine Zeit mehr zur Überprüfung lässt. Parallel dazu ist die einst festgeschriebene Wahrheit in Wahrheiten, die Wirklichkeit in Wirklichkeiten zersplittert, deren Anteile an Gerücht beziehungsweise Fiktion auf Anhieb kaum mehr schlüssig zu bestimmen sind. Die Illusion Diderots, alles Wissen in der Arche der Enzyklopädie zu bergen, ist zerstoben. Mangels einer überzeugenden Totalität ist "das Ganze endgültig ausser Reichweite" geraten, meint der Kommunikationswissenschaftler Pierre Lévy, weshalb an die Stelle jener schweren Arche "mobile Flottillen" von kleinen Totalitäten zu treten hätten. Damit jedoch verändert sich der Wahrheitsbegriff, tritt er aus einer möglichen, geglaubten Geschlossenheit heraus ins digitale Gestöber von subjektiven und kontextuellen Teilwahrheiten. Ohne falsche Vorspiegelung ist Wahrheit, was jedes Individuum für wahr nimmt innerhalb der Trias Glaubwürdigkeit, Überzeugung und Perspektive. Positiv gewertet kehrt die Wahrheit dahin zurück, wo sie einzig zuhause ist, in die lebenspraktische Wahrnehmung. Skeptisch gewendet verliert sie jegliche Ansprüche und Kriterien. Wahrheit ist nicht mehr behaftbar im Sinne von widerspruchsfrei, allgemein gültig, tatsächlich. So wie einst zum Standpunkt die Festschreibung gehörte, bedingt jetzt das Surfen die Verflüssigung. Die digitalen Ströme ersetzen den scheinbar gefestigten Boden der Faktizität. "Im Unterschied zur archaischen Oralität", meint Lévy optimistisch, ist "nicht mehr die körperliche Gemeinschaft und deren fleischliches Gedächtnis, sondern der Cyberspace, der Ort der virtuellen Welten, durch deren Vermittlung die Mitglieder der Gemeinschaft ihre Objekte entdecken und konstruieren und sich selbst als intelligente Kollektive erkennen." Im Zuge dieser digitalen Nachbarschaft stärkt der Bildschirm die ihm längst zugeschriebene Bedeutung des "elektronischen Lagerfeuers".

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Im Cyberspace hat das Universelle die Totalität abgestreift. Diese verflüchtigt sich in eine Vielzahl von offenen und provisorischen Totalitäten. Jeder Punkt auf der Welt ist zu jeder Zeit von jedem Ort aus abruf- und ansprechbar. Darin stecken Chancen wie Gefahren. Dem aufmerksamen Internet-Surfer kann nicht entgehen, dass in dem rasenden Informationsstrom Masse oft vor Qualität kommt. Ströme suchen, sie finden nicht: halb Tao, halb Spasskultur. Surfen kennt kein Ziel außer sich selbst. So stehen heute vor allem die ungeheuer leistungsfähigen Suchmaschinen im Zentrum des Webs, mit welchen die gewünschten Sites und Links auf die Schnelle gesucht werden können. Freilich versprechen sie in der Regel mehr als die aufgespürte Information am Ende zu halten vermag. Ihre Kompetenz reicht häufig (noch) kaum an die eines schlichten Handbuchs heran, das ohnehin in der eigenen Bibliothek steht. Nicht selten findet sich auch blosser Digitalschrott. Dies ist die Kehrseite eines faszinierend leistungsfähigen Netzwerks, das den Nachrichten- und Datenaustausch ungeheuer vereinfacht und beschleunigt und allen Unzulänglichkeiten zum Trotz ein riesiges Recherche-Potential eröffnet.

Dergestalt präsentiert sich das faszinierende Medium Internet selbst höchst ambivalent, zwiespältig. Subversion und globale Marktanpassung gehen in ihm ebenso Hand in Hand wie postmoderner Narzissmus und neoliberales Sozialdumping. "Progressive" Kreise fasziniert die Möglichkeit, die offiziellen Nachrichtenkanäle zu unterlaufen und mit ihren eigenen Botschaften weltweit herausfordern zu können. So besehen handelt es sich dabei um ein absolut demokratisches Medium. Auf der anderen Seite erfreuen sich Konservative vom Schlage eines Newt Gingrich daran, weil dessen Dezentralisierung ihre antipolitischen, genauer anti-etatistischen Reflexe zu bestätigen scheint. Im Sinne ihres neoliberalen Deregulierungswahns vermindert es den Einfluss der zentralen politischen Instanzen.

Diese "politische" Ambiguität (oder Neutralität) bringt es mit sich, dass die inoffiziellen (Gerüchte-)Kanäle auf dem Web mit unterschiedlichen Hintergedanken benützt werden können. Verschwiegene Realitäten lassen sich darauf ebenso verbreiten wie verwirrende Falschmeldungen. Freuen sich die einen ob der medialen Gleichheit und Brüderlichkeit, nutzen die anderen die neue Freiheit als Haie im Karpfenteich. Dergestalt verbindet das Internet in der Beurteilung seiner heterogenen Anwenderschaft basisdemokratische Ausdrucksmöglichkeit für die Machtlosen mit dem "neuen Feudalismus einer Byte-City" (John Horvarth), die Informationsgesellschaft der Shareholder und Börsengambler mit Spiel- und Surfecken fürs Volk. Die demokratische Mitbeteiligung ohne Folgen fungiert für jene als Akzeptanz-Zückerchen.

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Wo in dem digitalen Strom die Kompetenz zu Gunsten der Masse hintansteht, schwimmt das Gerücht wie ein Fisch im Wasser. Insbesondere Newsgroups widmen sich ihm mit besonderer Hingabe. Newsgroups wie "talk.rumours", "talk.bizarre" oder "alt.paranormal" sind virtuelle Diskussionsforen, wo zurzeit am liebsten über UFOs, Aliens und "Bob Dole is a looser" debattiert wird. Einen ähnlichen Zweck erfüllt auch die Urban Legends Reference Pages oder das AFU & Urban Legends Archive.

In solchen Heimstätten des Gerüchts steckt die gleichermassen faszinierende wie zwiespältige Möglichkeit, sofort und weltweit und anonym auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können. Als etwa im Sommer 1996 ein TWA-Jumbo vor New York ins Meer stürzte, ist auf Internet umgehend die brisante Erklärung aufgetaucht, dass der Jet versehentlich von der US-Marine heruntergeschossen worden sei. Ob damit eine offizielle Vertuschungsaktion unterlaufen oder nur ein falsches Gerücht in die Welt gesetzt worden ist, bedarf noch der Klärung. Auf jeden Fall aber zeigt das Beispiel, wie effizient die WWW-Gerüchtebörse arbeitet. Was immer erzählt wird, etwas wird schon dran sein.

Auf dem World Wide Web erhält das Gerücht auch einen neuen Namen: HOAX, was soviel wie "Zeitungsente, Schabernack" bedeutet. Das dazugehörige Verb "to hoax" meint "weismachen, einen Bären aufbinden". Wer danach sucht, der begegnet einer Website, betitelt "The definition of ...HOAX", worauf es (übersetzt) unter anderem heisst: "einwirken auf die Leichtgläubigkeit von... um glauben oder akzeptieren zu machen, was aktuell falsch und oft albern ist". Dabei könnte es sich ebenso um ein künstlerisches (Dada) wie um ein politisches Programm ("mehr Freiheit, weniger Staat") handeln. Darin, dass sich Faktizität und Gerücht schier unentwirrbar vermischen, liegt - nebst seiner technischen Wendigkeit - die Faszination des Internets. Alles kann hier gesagt werden. Es gibt auf ihm (angeblich) keine Zensur. Sei es, weil das Medium unkontrollierbar ist, sei es, weil sich Zensur in der verwirrenden und widersprüchlichen Nachrichtenflut erübrigt. Wo alles und sein Gegenteil richtig ist, gibt es ohnehin kein gültiges Bild mehr "wahrzunehmen".

Wem oder was ist also noch zu trauen? Offizielle Wahrheiten sind Macht, aber immerhin auch kenntlich und kritisierbar. Wo dagegen jede Wahrheit Gültigkeit erlangt, wird ihre Behaftbarkeit untergraben: wird sie zum Gerücht. Und wo die Quantität zusehends als Wahrheitskriterium zu gelten hat, muss das Gerücht schliesslich auch wahrhaftiger (und obendrein unterhaltender) scheinen als die "Wahrheit". Hauptsache, es wird geglaubt. Das Gerücht ist immer wahr.

Dies ist ein unumkehrbarer Prozess, weil das Internet ein Faktum darstellt, aber auch weil die tieferen Gründe dafür weiter zurückreichen. Das Internet hat das Gerücht nicht erfunden, sondern ihm nur neue Möglichkeiten eröffnet. Burkhard Müller-Ullrichs Forderung nach mehr Skepsis und Sorgfalt ist eine alte und hat sich nur den neuen Bedingungen anzupassen. In der "informativen Sintflut" (Stanislaw Lem; seine Metapher betont die von vielen momentan empfundene Schicksalshaftigkeit) bleibt als beste Kontra-Indikation das abwägende Verfahren, das dem Gelesenen und Gehörtem die eigene Skepsis, den Zweifel gegenüberstellt, um sich in der dampfenden Gerüchteküche notdürftig zu orientieren. Zugleich müssen sich aber auch die traditionellen Medien neu vergegenwärtigen, was sie primär sein möchten: Vermittler von Welt, Vorposten der Aufklärung, Instanz virtueller Interessen oder Spiegel von News-Ware, welche die Menschen erwarten. Je nachdem haben sie ihrem Informationsverwertungprozess die dafür notwendige Zeit einzuräumen.Die Illusion allerdings, jemals wieder in den Zustand "wahrhaftiger" Jungfräulichkeit zurückzukehren, ist ebenso märchenhaft wie die Geschichte von der schönen Zellandine.

 

PS: Was dem philosophierenden Laurence Sterne recht, ist der Gerüchteküche billig: wie schön funkeln und gleissen doch Geschichten, die sich nicht der Wahrheit andienen müssen.

 

Jean-Noël Kapferer: Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt. Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1996.
Burkhard Müller-Ulrich: Medien-Märchen. Gesinnungstäter im Journalismus. Blessing Verlag, München 1996.
Telepolis. Die Zeitschrift der Netzkultur.

Abgedruckt in: Basler Zeitung, Magazin, 12. April 1997