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Die zwielichtige Kehrseite...
...der Wahrheit

Über Lügen, Gerüchte,
Geheimnisse und Verschwörungen

Beat Mazenauer

 

Darf ein Präsident im Amt lügen? Welche Geheimnisse werden verschwiegen? Was sagt die Gerüchteküche dazu? Und hat eine Verschwörung hinter dem angedrohten Impeachment-Verfahren gegen Bill Clinton gesteckt? Fragen über Fragen von mehr oder weniger weltbewegender Tragweite.

1980 hielt Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen nüchtern fest: "Die Offenheit des Lügners". Erstaunte ihn diese Offeheit oder schien sie ihm keines weitern Kommentars würdig? Wie auch immer, erstaunlich ist heutzutage, wie offen Lügen zu Tage treten und wie sie dennoch verfangen. In Form von Manipulation, Geheimnis und Gerücht schwimmen sie in der täglichen Flut von Neuigkeiten mit, ohne dass wir sie stets einzeln herauszufischen versuchten. Mit dem Internet haben sie zusätzlichen Bewegungsspielraum gewonnen. Es ist die Gerüchteküche par excellence, in dem sich alle Nachrichten unbeglaubigt und blitzschnell über die Welt verbreiten.

Zu lügen ist verwerflich. Spätestens seit dem Kirchenlehrer Augustinus. Vor ihm allerdings hat Sokrates im platonischen Dialog "Hippias minor" einen interessanten Pragmatismus gegenüber der Lüge vertreten. Bezogen auf Odysseus hält er den, der "das Wahre und auch das Flasche zu sagen" versteht, für den eigentlich fähigen Menschen. Steffen Dietzschs munter sprudelnder Überblick über die zweitausendjährige Lügen-Diskussion entdeckt ein paar spannende Argumente im Umgang mit diesem "Übel". Um erfolgreich zu wirken, bedarf die Lüge aber effizienter Trägermedien und -figuren wie des listenreichen Odysseus. Auch im Gerücht und im Geheimnis finden sich solche. "Wittert man... Verstellung, Lüge, Verschwörung oder Verrat, dann eskaliert Misstrauen und Geheimnisse werden schon bei geringsten Indizien zu sozialem Sprengstoff", weiss Joachim Westerbarkey in seinem etwas kraftlosen Buch "Das Geheimnis" zu berichten; Hans-Joachim Neubauer pflichtet in seiner anregend erzählenden "Fama"-Geschichte bei mit einem Untersuchungsbericht von 1968, wonach "in 65 Prozent der Unruhen... Gerüchte soziale Spannungen und Unordnung" verstärken würden.

Anders als die sozialpsychologische Darstellung "Gerüchte" (1996) von Jean-Noël Kapferer geht Neubauer dem Gerücht in Gestalt des Mythos nach: Pheme, Fama, Rumor sind die zwielichtigen Verkörperungen, die Ruhm und Klatsch miteinander verbinden. Widersprüchlichkeit hat das Gerücht bis heute bewahrt. Als inoffizielle Nachricht ohne erkennbare Quelle kann es ebenso lügnerisch verleumden wie totalitäre Machtstrukturen unterlaufen. Oft ist auf Anhieb nicht zu entscheiden, um welches der beiden Ziele es geht. In dieser dunklen Unergründlichkeit liegt das Faszinosum des Gerüchts wie des Geheimnisses. Auf unterschiedliche Weise scheuen sie das Licht und wirken, indem sie bloss einen Schatten auswerfen, ein Echo erzeugen. Das Haus des Gerüchts ist dabei offen und geschwätzig (Ovid), jenes des Geheimnisses mit sieben Siegeln verschlossen (Westerbarkey).

 

"Feind hört mit"

Besondere Geheimhaltung erfordern Kriege. Nicht zufällig ortet Dietzsch im Ersten Weltkrieg einen Wendepunkt in der Geschichte der Lüge und Neubauer tut dergleichen in Bezug auf die Geschichte des Gerüchts. Gerücht wie Lüge werden zu zentralen strategischen Mitteln der Kriegsführung, zugleich dienen sie dem menschlichen Kanonenfutter an der Front als psychologischer Balsam. Das Geheimnis assistiert ihnen im Hintergrund, in dem alle drei "Medien" erst richtig zur Entfaltung kommen. Hier drohen auch abstruse Verschwörungstheorien, wenn Puristen oder Fundamentalisten damit zäuseln. Verschwörungen orten allenorts Lügen und Geheimnisse - und sie sind nicht erkennbar, scheint ihre Existenz erst recht bewiesen.

Gerüchte und andere Hirngespinste lassen sich nicht dementieren, darin liegt ihre auffälligste Eigenheit, weil das Dementi nur deren Vorhandensein beweist. Sie sind weder wahr noch falsch, gleichsam "jenseits von Gut und Böse", wie Nietzsche anmerkte.

Den verfänglichen Zusammenhang von Lüge, Gerücht und Verschwörung stellte Luther 1543 mit seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" her. Aus dem Quell der Religionskritik erwuchs hier der Glaube an die jüdische (später auch zionistische) Weltverschwörung, welcher noch immer kräftig weiterwuchert. Ein klassisches Beispiel dafür hat 1969 Edgar Morin in Orléans untersucht, wie Neubauer anmerkt. In jüdischen Geschäften sollen demnach Mädchen aus Umkleidekabinen in nahöstliche Harems verschleppt werden. Dies verlautete gerüchteweise seither auch in anderen französischen Städten, ohne deshalb "wahrer" zu werden.

Im Finsteren also steckt das Geheimnis, geschieht das Verschwörerische, bleiben Gerüchte unwidersprochen. Vor allem lässt sich in diesem Zwielicht kaum zwischen wahr und falsch unterscheiden. Verschwörungsdenken, schreibt Daniel Pipes, "bedeutet ein total andere Denkweise als die durch herkömmliches Wissen und Verstehen gegebene". Zutreffend sind Bezeichnungen wie grotesk und paranoid.

Den Umschlag von Vernunft in Verschwörung demonstriert Pipes in seinem Buch gleich selbst. Darin entfaltet er die historische Entwicklungslinie des Verschwörungsdenkens, vom ersten Aufschwung in der französischen Revolution bis zum jüngsten im Internet. Was anfänglich solid wirkt, tappt gegen Ende, im Kapitel "Rechte Spinner, linke Kultursnobs", dann allerdings selbst in die Verschwörungsfalle. Akribisch versucht Pipes zu belegen, dass die eigentliche Gefahr heute von linken Verschwörungstheorien ausgehe. Den westlichen Antikommunismus deutet er zur Paranoia der Linken um, als ob es ihn in den Fichen der Konservativen nie gegeben hätte; der Essayist Joel Kovel zum Beispiel, der den amerikanischen Kommunistenhass als politisches Instrument thematisiert, wird selbst zum Verschwörer stilisiert. Zwar (oder leider?) verwende er "in seiner Studie nicht den Begriff Verschwörung. Er liegt jedoch seiner ganzen Argumentation zugrunde".

Ohne Rücksicht auf Unterschiede zwischen politischer Meinung, Gerücht und Verschwörung weist Pipes die Verantwortung den linken Intellektuellen zu, weil deren Subtilität erst eigentlich gefährlich sei. Übertrieben die rechten "Rabauken" mit ihrer dreisten Ehrlichkeit in grotesker Manier, würden sich Linke perfiderweise hinter grammatikalischer Korrektheit und differenzierten Argumentationen verschanzen. Kein Zweifel, kruder Antisemitismus ist dumm und gefährlich, egal, aus welcher politischen Ecke er stammt, ihn heute aber mehrheitlich der Linken anzulasten, spricht nicht eben für hohes Unterscheidungsvermögen. Deswegen ist Pipes’ Essay zwar nicht Teil einer Verschwörung, sondern bloss eine ideologisch gefärbte Darstellung, die tendenziell eine Verniedlichung rechter und eine Vergröberung linker Verschwörungstheorien betreibt.

 

Gerüchteküche auf dem Boulevard

Konzentriert Pipes sich auf die (jüdischen, geheimbündlerischen) Weltverschwörungstheorien, begreift der von Uwe Schultz edierte Band die Verschwörung im Sinne von politischen Umstürzen schwergewichtig mit ein. Den Anfang setzen die insgesamt 17 Beiträge bei Ramses III. und dem Sturz der athenischen Demokratie durch den Demagogen Alkibiades, in dessen Umfeld 413 v. Chr. auch das erstmalige Auftauchen eines Gerüchts belegt ist (Neubauer). Die Demagogen (wörtlich "Volksführer") sind seither zum Schimpfwort für verschwörerische Volksaufwiegler geworden. Dietzsch zitiert Hannah Arendt mit dem Satz: "Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören."

Eine erste Hausse erlebten Verschwörungen im Gefolge der Französischen Revolution. Zwischen Robespierre und Napoleon jagte eine Verschwörung die andere: politische wie die des notorischen Intriganten Fouchés, mystisch angehauchte wie die des ex-Jesuiten de Barruel. Vor allem dessen Ausfälle gegen Geheimbünde wie Freimaurer und Illuminaten erhielten aussergewöhnliche Resonanz (Pipes). Etwas jüngeren Datums ist die Idee einer "jüdischen Weltverschwörung", die in den gefälschten "Protokollen der Weisen von Zion" ihr infamstes Zeugnis produzierte; das spätere Auftauchen verhinderte aber nicht die umso nachhaltigere Wirkung, wie Wolfgang Benz (in Schultz) dartut.

Verschwörungen lassen sich nicht widerlegen und Gerüchte bleiben oft ambivalent. Entsprang die Idee, dass die TWA 800-Maschine im Juli 1996 vor der Küste New Yorks von der US-Marine abgeschossen wurde, reinem Wunschdenken oder würde eine Regierung einen solchen Fauxpas nicht möglichst verheimlichen? Die Ambivalenz des Gerüchts besteht darin, dass dieses (nicht aber das Verschwörungsdenken) auch subversive Wirkung erlangen kann (Neubauer unterschlägt sie allerdings). Insbesondere unter totalitären Regimes kann gerüchteweise eine Gegen-Öffentlichkeit des Hörensagens entstehen. Auch demokratisch legitimierte Regierungen, die wie die adligen Regimes der letzten Jahrhunderte noch immer gerne eine "Arkanpolitik" (Geheimpolitik) mittels Zensur und Geheimhaltung wahren, sind davor nicht gefeit.

Geheimnis, Verschweigen, Übertünchen, Lügen sind in den modernen PR-Apparaten von Politik und Wirtschaft geläufige Strategien, die nicht eigens gerechtfertigt werden müssen. Umgekehrt ist es am ehesten die skeptische Vernunft, der reflexive Umgang frei von der "Diktatur des Moralischen" (Dietzsch), welcher mit Lüge, Gerücht, Verschwörung und Geheimnis im öffentlichen Leben zurande kommt. Die Darstellungen von Neubauer, Westerbarkey, Dietzsch, Pipes und Schultz kreisen diese Phänomene thematisch spezifiziert ein, so dass sie am Ende alle einander ergänzen. Ihre Überschneidungen machen die enge Verwobenheit anschaulich. Gerüchte lügen Verschwörungen geheim oder: Eine Hand wäscht die andere, so dass jede sauber bleibt. Der US-Senat lässt grüssen.

 

Lügen als gutes Geschäft

Nicht nur Politik und alltägliches Getratsche ist von Gerüchten, Lügen, Verschwörungen und Geheimnissen durchwoben. Auch vor der "Kultur" machen diese selbstverständlich nicht halt, wie das eben erschienene "Lexikon der Fälschungen" von Werner Fuld aufs Schönste belegt. Der Autor hat zusammengetragen, was ihm auf seiner Suche so allerhand an amüsantem und heiklem Beschiss untergekommen ist. "Es gibt in unserer Kulturgeschichte vermutlich mehr Fälscher als überlieferte Originale", fasst er das grundlegende Dilemma zusammen, das seinem Buch zugrunde liegt. Sind restaurierte Bilder oder Gebäude echt, auch wenn kaum ein Körnchen historischer Grundsubstanz mehr in ihnen steckt? Und wo bitte liegt da der Unterschied zum perfekt nachgeahmten Modigliani?

Nicht immer lässt sich dabei zwar zweifelsfrei zwischen Lüge, Gerücht und Wahrheit entscheiden, wie das Stichwort "Wilkomirski" demonstriert. Dennoch stapeln sich in Fulds Lexikon verbesserte Manuskripte, gefälschte und rekonstruierte Bilder, nachgedichtete Lebensläufe und andere Experten-Mysterien, dass munter darüber geschmunzelt werden kann. Etliches, woran wir uns landläufig gewöhnt haben, gilt es dabei zu berichtigen. Dennoch bleibt die Frage: Wollen wir überhaupt die Wahrheit wissen?

Ja, doch auf dem Umweg über den Aberglauben, wie das Februar "du"-Heft zeigt. Zum Jahrtausendende drängen "esoterische" (Verschwörungs)-Theorien fiebriger als üblich ans Licht. In seiner tour d’horizon stellt das "du" als Nostradamus und Astrologie ebenso wie die "rationale" Ökonomie als Hoffnungsträger vor, die uns gegen apokalyptische Ängste impfen sollen.


PS: Wahr oder unwahr? Auf jeden Fall mysteriös ist ganz aktuell ein Gerücht, das per Internet und Reuters Agentur Verbreitung findet. Auf der Aktuell-Website von "Telepolis" sowie von Hackernews wird darüber diskutiert. Demnach soll ein britischer Militärsatellit von Hackern aus der Bahn gesteuert worden sein. Wahrheit im Geheimen oder phantastisches Gerücht? Der militärische Bereich, der von Geheimhaltung lebt, zieht Gerüchte und Verschwörungstheorien förmlich an.

Bücher:

Steffen Dietzsch: Kleine Kulturgeschichte der Lüge. Reclam, Leipzig 1998.156 S., Fr. 17.-
Hans-Joachim Neubauer: Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Berlin Verlag, Berlin 1998. 42 Abb., 272 S., Fr. 38.-
Joachim Westerbarkey: Das Geheimnis. Die Faszination des Verborgenen. G. Kiepenheuer, Leipzig 1998. 240 S., Fr. 34.10.
Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. Gerling Akademie, München 1998. 360 S., Fr. 58.-
Uwe Schultz (Hg.): Grosse Verschwörungen. C.H. Beck, München 1998. 280 S., Fr. 44.50.
Werner Fuld: Lexikon der Fälschungen. Eichborn Verlag, Frankfurt 1999. 310 Seiten, 41 Franken.-
DU-Heft, Nr. 692, Februar 1999: "Aberglauben". Der letzte Stand der Einbildungskraft. 90 Seiten, 20 Franken.