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Der Weiberroman  |  Der Trilogie vierter Teil  |  Aufsätze zur Literatur  |  Bibliographie

Matthias Politycki

Schattschneiders grosse Verwirrung

"Der Weiberroman"

Rein äusserlich sind die 90er Jahre ein Remix der Seventies. Abba, Plateauschuhe, Startrek und Adidas-Trainingsjacken bezeugen die enge Verwandtschaft. Doch ideell stehen die «78er» der Hippie-Generation näher. Die um 1960 Geborenen sammelten 1968 noch Fussballbildchen und verteilten zehn Jahre später Traktate für die «Vergesellschaftung der Produktionsmittel». Matthias Politycki zeichnet in seinem «Weiberroman» ein gewitztes Porträt dieser Generation.

Beim Rocken kennt der «realidealistische Restromantiker» Schattschneider nichts. Und solange die Clique unter sich ist - ohne die Weiber - macht es auch ungeheuerlich Spass. Weder Soft- noch Glam-Pop, sondern Rockmusik, die was drauf hat. «Heart of Gold, tja, also wenn ihr mich fragt: Neil Young, das ist schon fast James Last.» Von seiner Statur her ist Gregor aber kein Mordskerl wie der gefürchtete Erps, eher reiner Reihenhaus-Durchschnitt, dem die Eltern die Lee Cooper-Jeans aufzwingen wollen. In seiner Clique fühlt er sich wohl, mit den anderen Jungs zeigt er es rockend der ganzen Welt und vor allem denen aus Tecklenburg. Doch immer stärker macht sich das Schielen «in Richtung Weibereck» bemerkbar. Die Hormone beginnen zu surren und stimulieren die Sehnsucht nach den Weibern, «das heisst nach unseren Mädchen». Auf die Kumpel ist daher kaum mehr Verlass, statt zu rocken schwofen sie zu «Nights in White Satin».

Gregor selbst ist noch bei keiner «dran gewesen», weshalb er baff erstaunt ist, als die von allen umworbene Kristina nicht auch ihn barsch zurückweist. Schön, dennoch traut er den Zeichen nicht. «Abwarten und warme Biere trinken, abwarten» erst recht, weil Kristina «Seasons in The Sun» toll findet und aus Tecklenburg stammt. Abwarten und das Maul aufreissen, bis es zu spät ist. Zum Trost will er wenigstens «die ganze Geschichte aufschreiben, damit ich sie endlich los bin».

Etwas geschickter stellt es der Bummelstudent Schattschneider drei Jahre später an, als er in Wien der selbstsicheren, prickelnden Tania begegnet. Er versucht den «Kreis der Sonntagshelden» zu durchbrechen, auch wenn die Angebetete nicht rockte, sondern «tanzte». Allerdings gelingt es ihm nur halbherzig. Er sei eben ein Sprücheklopfer und «nicht zur Liebe talentiert», redet er sich heraus, aber nicht Tania gegenüber. Diese beunruhigt ihn vor allem: «Das ist zuviel an Frau, das ist Nötigung.» Also verbockt er auch dieses Glück und tröstet sich mit einer anderen darüber hinweg. Immerhin macht er aus seiner Not eine Tugend, indem er am «Weiberroman» weiterschreibt. Darin heisst es dann: «Und da ich’s dir nicht sagen konnte, habe ich’s dir aufgeschrieben für den Fall der Fälle: Tania, ich liebe dich.»

Sein Freund Ecki tut es ihm gleich. Sie kennen sich schon aus alten Tagen in der westfälischen Provinz und sind beide studienhalber in Wien gelandet. Dieser Ecki, genauer Eckart Beinhofer, ist es, der uns Gregor Schattschneiders Opus magnum in Form einer «historisch-kritischen Gesamtausgabe» zugänglich macht. Im Nachwort erfahren wir von ihm, dass aus Gregor nichts Rechtes geworden ist. Eine Zeit lang hat er sich als Hilfswissenschafter verdingt, dann ist er einfach verschwunden, ohne die einzelnen Textschnippsel zu einem Romanganzen zusammenzufügen. Beinhofer, mittlerweile zum «Editionsgermanisten der alten Schule» gereift, tut es an seiner Stelle. Allerdings verschwindet auch Beinhofer unvermutet, so dass am Ende der Verlagsmitarbeiter Matthias Politycki das Werk vollenden muss und es gleich auch unter eigenem Namen herausgibt. Es sei, begründet er diesen Schritt, ohnehin unklar, wer es eigentlich verfasst habe.

Tatsächlich besteht darin der Kern dieses vertrackt konstruierten «Weiberromans». Beinhofer versieht Schattschneiders Text mit kritischen, mitunter sehr persönlichen Anmerkungen und pfuscht ihm möglicherweise auch sonst in den Text hinein. Wer hat’s geschrieben? Dieses narrative Rätsel werden wir nicht knacken, dass wir es aber zu lesen bekommen, ist eindeutig Polityckis Verdienst. Sein kecker, spielerischer, witziger Roman gibt wunderbare Blicke frei auf die siebziger Jahre, die heute für ihren schlechten Geschmack und die Billigkeit ihrer Popkultur berüchtigt sind. Playmate und Startrek, Hippie-Romantik und Mittelscheitel, dazu der Soundtrack von Sweet («All right now. Let’s goooo») und Middle of the Road («Tchirpy Tchirpy cheep»). Eine Epoche, weit weg - an den aktuellen Moden gemessen aber gleichwohl nahe. Wie viele gestandene Liberale von heute erprobten damals am Gymnasium ihr politisches Gewissen beim Verteilen von maoistischen oder trotzkistischen Traktaten. Die RAF und der deutsche Herbst nicht zu vergessen.

Die Politik aber ist an Schattschneider wie ein fernes Raunen vorübergezogen. Er entwickelt keinen rechten Sinn dafür. Etwas Frankfurter Schule und RAF, mehr nicht. Im Grunde interessieren ihn - klar - nur Frauen und Musik. Ihnen widmet er sich auch noch zehn Jahre später, als die jugendliche Sorglosigkeit längst verflogen scheint. Die Trennung von der schönen Katarina belehrt ihn, dass seine linkischen Versuche, es allen zu zeigen, bloss noch lächerlich wirken. Im Grunde spürt er, dass er einen richtigen Beruf ergreifen und «mit Erwachsen-Werden» anfangen müsste. Vergebens. Lieber verspinnt sich der zu früh geborene «Lebensästhet» in der Illusion, den grossen «Weiberroman» zu schreiben.

Polityckis Buch mobilisiert alle Formen germanstischer Editionstechnik, doch er tut es spielerisch und erprobt sie an einem Gegenstand, der nicht zur gehobenen Kultur gehört. Schattschneider rockt zu «Get a Grip on Yourself» anstatt Mozartsche Etüden zu üben und das bibliophile Familienerbe abzustauben. Die feine Distinktion des feinen Geschmacks geht ihm ab. Im gespannten Verhältnis von Titel und Untertitel deutet er diesen Niveauunterschied ironisch an - sehr zur Irritation einiger Kritiker und Kritikerinnen. Aus dem spätpubertären Pop-Roman wird eine historisch-kritisch geadelte Edition, wobei sich hinter dem humorlosen Herausgeber niemand anderer als «Ecki mit seinem Gekecker», also auch einer der «Rocker» aus Lengerich, versteckt.

Matthias Politycki beschwört es auf hinreissende Weise wieder herauf. Einfühlsam schildert er die Nöte seines Helden zwischen Lässigkeit und Liebessehnen und beschreibt detailgenau das soziokulturelle Milieu, in dem die Generation aufwuchs, die heute in den Vorzimmern der Macht auf ihre Chance wartet. Gewitzt hält uns Politycki einen nur leicht verzerrten Spiegel vor, der zu (selbstironischem) Lachen animiert.

Weil es dem Autor dabei gelingt, den pubertierenden Peinlichkeiten seiner Helden selbst virtuos auszuweichen, bleibt uns nach der Lektüre des «Weiberromans» die Freude über einen raffiniert versponnenen Roman, der auf präzise und stimmige, ironische und vergnügliche Weise eine vergangene Epoche ins Gedächtnis zurückruft, deren schlechter Geschmack erlaubt ist, weil er gefällt. Heute erst recht.

Matthias Politycki: Weiberroman. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Luchterhand Verlag, München 1997. 422 Seiten.
Gerald Fricke u.a.: Die Goldenen Siebziger. Ein notwendiges Wörterbuch. Reclam, Leipzig. 160 Seiten.

 

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Der Trilogie vierter Teil

"Einen ganzen Roman im Internet zu schreiben, das war bis vor einigen Monaten so ziemlich das Letzte, das ich mir vorstellen konnte". Mittlerweile aber hat sich auch Matthias Politycki bekehren und sich mit ISDN verdrahten lassen, "um die neu entstandenen Roman-Abschnitte immer gleich ans ZDF zu mailen". So vermag er den Anforderungen zu genügen, die das Kulturmagazin "Aspekte" an ihn stellt. Zum dritten Mal schon inszeniert dieses eine direkt im Internet entwickelte "Novel in Progress".

Die aktuelle Geschichte heißt "Marietta" und schreibt die drei Frauenbekanntschaften Gregor Schattschneiders aus Polityckis "Weiberroman" (1997) fort. Suggerierte schon dieser, daß er aus einem unübersichtlichen Textkonvolut zusammengestückelt sei, kommt das Internet seinem fragmentarischen Charakter noch entgegen. Mediengerecht fordert es eine mehrschichtig entwickelte Handlung mit Links und Bindegliedern geradezu heraus. Politycki selbst betont diesen Aspekt. Weil er fürs "Polieren" einer Geschichte normalerweise Jahre benötige, gehe es bei der "Primärniederschrift" hier bloß um den Plot: "schiefe Metaphern, Inkonsequenzen der Handlungsführung, grammatikalische Fehler sind dabei vorprogrammiert - und bedürfen der Mitleser, um eliminiert zu werden". Literatur für einen Autor und viele e-mail-User, die ihm beim Schreiben helfen? Solange dabei kein fertiges Buch herauskommt, das einer netzfremden Print-Ästhetik genügen soll, ist ein solches Spiel nicht ohne Reiz und Witz. Vor allem aber bestätigt Matthias Politycki bei dieser Gelegenheit aufs Trefflichste seinen Ruf als Autor, der für jedes Experiment zu haben ist.

 

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Politückisch korrekt

Polityckis Aufsätze zur Literatur

Die Vierzigjährigen drohen allmählich erwachsen zu werden. Im Schatten der 68er besetzen sie klammheimlich Posten und Pfründe und niemand spricht über sie. Diese "78er", wie sie Reinhard Mohr bezeichnet hat, repräsentieren eine Generation der Individualisten. Zu ihr gehört auch der Schriftsteller Matthias Politycki, Jahrgang 1955, vor einem Jahr hat sein "Weiberroman" ein treffliches Jugendporträt dieser Generation entworfen.

Auch wenn sie kein richtiges Profil besitzt, erkennt Politycki in ihr eine Chance. Eingeklemmt zwischen der 68er "Toskanafraktion" und den 89er "Fit for fun-Kids" geben sich die 78er eigenbrödlerisch skeptisch, nicht aber gleichgültig und unengagiert. Politisch haben sie zwar nie die Kollektivkraft der 68er entwickelt und sich eher von einer eklektischen Lust leiten lassen, die ohne Schande mit dem Begriff "Postmoderne" umschrieben werden kann.

Die Chance, die Politycki in dieser Generation vermutet, ist vor allem auch eine literarische, wie er in den vergnüglich zu lesenden Aufsätzen beteuert, die im Band "Die Farbe der Vokale" versammelt sind. So wie die Rockmusik, die seine literarischen Gehversuche untermalt hat, soll und muss Literatur wieder zu einer kraft- und lustvollen Direktheit finden, die nicht bloss auf die Dekodierungskompetenz der Lesenden abzielt. Daran orientiert sich Polityckis literarische Ästhetik. Ihre Kernpunkte sind "das Unprogrammatische, Unideologische; der Abschied von der eigenen Wichtigkeit; die Rückbesinnung auf die Literaturgeschichte; der Abscheu von jeder Art Pathos ... bei gleichzeitiger Hinwendung zu jeder Art von Ironie; der fallweise Verzicht auf Action, Plot Points, Pointen" sowie das Spielerische inklusive der Hinwedung zur Popkultur.

Anstelle von ästhetischem Purismus setzt Politycki die Lust an der Literatur wieder ins Recht: "es lebe das Dividuum: Meinethalben lesen wir Joyce, aber gerade weil wir das tun, hören wie mit einem andern Ich in uns den schönsten Schweinerock à la ‘Highway To Hell’". Literatur ist ein Dienst am Kunden, allerdings kein simpler. Lektüren gleiten nicht über einbruchsichere Eisdecken, sondern über ein Meer, das unter dem glitzernden Wellenspiel tief hinab in spannende, unbekannte Gründe reicht. Lesen soll nicht schwierig, sondern vielschichtig sein. Deshalb schätzt Politycki die Lyrik ebenso wie die Tradition und räumt ihnen hohen Stellenwert ein. Die Tradition gilt es zu kennen, um nicht das Alte neu zu erfinden, anders gesagt: Wer Spagetti kochen gelernt hat, sollte deshalb nicht gleich einen Gourmettempel eröffnen.

Eingedenk all dessen, findet er, präsentiere sich die neue deutsche Literatur besser als viele meinen, und vor allem vielschichtiger als die modischen Produkte der amerikanischen creative writing-Seminaristen. Deren aktuelle Überschätzung kritisiert Politycki, weil er dahinter allzu oft bloss eine biegsame Attitüde wittert. Ein Problem der Literaturkritik, zu dem sich eine sklerotische Unbeweglichkeit der universitären Germanistik gesellt, die beide kaum Impulse für eine moderne, gestrenge Literaturvermittlung zu setzen vermögen. Meist begnügen sie sich mit falschem, superlativem Pathos und Krisengestammel.

Politycki argumentiert nicht immer ausgewogen und fein differenzierend, eingestandenermassen; umso lustvoller provoziert er. Die frühesten Aufsätze, die in chronologisch umgekehrter Reihenfolge am Ende des Bandes angeordnet sind, verraten zwar noch den Ton von ernsthafter Uni-Germanistik, doch davon hat er sich inzwischen befreit, ohne sein Urteilsvermögen preiszugeben. Ebenso wie von seinen originellen, aber auch etwas bemüht experimentellen ersten Prosaversuchen. Ihnen gegenüber pflegt Matthias Politycki ein durchaus selbstironisches Verhältnis.

Die hier versammelten Aufsätze sind gewitzte Einsprachen gegen das permanente Lamento über die deutschsprachige Literatur. Sie fordern nicht Einigkeit mit ihrem Autor, sondern wollen auf freche Art und mit umwerfenden kulinarischen Metaphern garniert zur Diskussion herausfordern. Gut gebrüllt, Politycki.

Matthias Politycki: Die Farbe der Vokale. Von der Literatur, den 78ern und dem Gequake satter Frösche. Luchterhand Verlag, München 1998, 272 Seiten.

 

 

Bücher

-Der frühe Nietzsche und die deutschen Klassiker. Studien zu problemen literarischer Wertung. Münchener Hochschulschriften 1981 

-Aus Fälle / Zerlegung des Regenbogens. Ein Entwicklungsroman. Weismann Verlag, München 1987.

-Im Schatten der Schrift hier. Zweiundzwanzig Gedichte. Weismann Verlag, München 1988.

-Umwertung aller Werte. Deutsche Literatur im Urteil Nietzsches. De Gruyter, Berlin / New York 1989.

-Sonnenbaden in Sibirien. Dreiseitige Geschichten. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn  1991.

-Hundert notwendige Gedichte. Und ein überflüssiges. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg / Zürich 1992 (als Herausgeber).

-Taifun über Kyôto. Roman. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg 1993.

-Die Frau mit dem Schatten. Minimusikalkomödie (Libretto). Urafführung am 24. Juni 1994 im Marstalltheater, Bayrische Staatsoper München.

-Jenseits von Wurst und Käse. 44 Gedichte. Luchterhand Literaturverlag, München 1995.

-Der böse Einfluss der Bifi-Wurst. Ein End- und ein Nachspiel. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn  1996.

-Weiberroman. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Luchterhand Literaturverlag, München 1997.

-Die Farbe der Vokale. Von der Literatur, den 78ern und dem Gequake satter Frösche. Luchterhand Literaturverlag, München 1998.

- Ein Mann von vierzig Jahren.  Roman............Luchterhand Literaturverlag, München 2000
(Der Entwurf war hypertextuell zu verfolgen auf  der Homepage des ZDF (Novel in Progress).

 

 

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