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Die Dekonstruktion der utopischen Gegenwart

von Beat Mazenauer & Felix Keller

 

Abstract

Der SF-Autor William Gibson ist der „Erfinder" des „Cyberspace". Seine Romane zählen zu den Bestsellern der SF-Literatur. Allein Gibson ist keiner ihrer typischen Vertreter. Indem er in seinen Geschichten das gültige Bild der Wirklichkeit heterotopisch dekonstruiert, läßt er den Subtext der gesellschaftlichen Entwicklungen und Tendenzen erahnen, die unterhalb der Bewußtseinsschwelle heute das Gegenwärtige inszenieren. Über diesem Untergrund reißt er den schönen Schein, den Kultur und Tradition verzweifelt aufrecht erhalten, hinweg. Vor allem aber zeichnet Gibson aus, daß er den „Zukunftsschock" auf eine Weise beschreibt, die nicht über der Wahrnehmung seiner Leser zu stehen vorgibt. Die Irritation steckt im Text gleichermaßen wie in der Lektüre.

Freilich täuschen Gibsons Texte gerne über solche Lesarten hinweg, werden sie schnell "überlesen": "Pulp" für den niederen Geschmack. Der gehobene Literaturgeschmack wird deshalb darüber hinwegfliegen und sie mit Nichtbeachtung strafen: formal wie thematisch. Doch, hat Gibson einmal geäußert, die gegenwärtige Pop-Kultur ist "der Prüfstand unserer Zukunft". Auf diesem Bewußtsein basieren seine Texte. Nicht zuletzt deshalb ist er mehr als ein Epigone von Burroughs oder Pynchon. Sein narrativer Mix, seine zahlreichen Anleihen bei populären literarischen Genres lassen seine Sprache eher wie ein Vehikel erscheinen, das im Dienste der Desillusionierung unseres Fortschrittsglaubens steht, doch nicht gemessen werden will an dessen künftigen Folgen. "Das Morgen ist um einiges seltsamer als wir es erahnen können", also lassen wir das Rätseln um seine Gestalt. Wie in Gibsons Geschichten werden wir nie alle gegenwärtig ausgelegten Fäden zu einem Gesamten verspinnen können. Dies dürfen wir als Scheitern begreifen, aber keinesfalls als Schwäche.

 

 

Bücher von William Gibson:

Neuromancer-Trilogie (Neuromancer, Biochips, Mona Lisa Overdrive). Übers. v. Reinhard Heinz u. Peter Robert. Rogner & Bernhard bei Zweitausendundeins, Hamburg 1996 (Orig. 1984-88)-; einzeln als TB in der alten Übers. v. R. Heinz im Heyne Verlag.
-: Cyberspace. Erzählungen. Übers. v. R. Heinz, Heyne Taschenbuch, München 1988 (Orig. "Burning Chrome", 1986); geb. unter dem Titel "Vernetzt" bei Rogner & Bernhard.
-: Virtuelles Licht. Roman. Übers. v. P. Robert. Rogner & Bernhard, Hamburg 1993 (Orig. 1993); auch als Heyne-TB.
-: Idoru. Roman. Übers. v. P. Robert. Rogner & Bernhard, Hamburg 1997 (Orig. 1996).
- / Bruce Sterling: Die Differenz-Maschine. Übers. v. Walter Brumm. Heyne TB, München 1992. Gibson besorgte auch das Drehbuch zur gleichnamigen Verfilmung seiner Erzählung "Johnny Mnemonic" (1995, Regie: Robert Longo, mit Keanu Reaves, Henry Rollins, Ice-T u. a.), zudem arbeitete er mit am Script von "Alien 3" (1991, Regie: David Fincher).

Links:

"Straylight"-Homepage, die wichtige Links anbietet; "William Gibson’s yardshow", einem aufwendig gestalteten "ongoing experiment in semiotic drift".