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Von Kropfgeburten
oder Das Ende der voreiligen Versöhnung

Die Schweiz und ihre Schwierigkeiten im Umgang mit der Gegenwart

von Beat Mazenauer

«Die Schweizer sind stolz darauf, so schöne Berge geschaffen zu haben.» (Ludwig Hohl)


In seinem burlesken Roman «Seid ihr verrückt?» (1929) erzählt uns der französische Surrealist René Crevel eine wunderliche Begebenheit aus der «wiederkäuenden Eidgenossenschaft». In diesem Land gilt der Kropf als sichtbares Zeichen «von Autorität und Respektabilität», doch ausgerechnet die Gattin des Präsidenten besitzt keine solche Wucherung. Da, wo Tell einst mannhaft die berühmte Armbrust anlegte, ist sie rein und glatt. Ein Mißstand von politischer Tragweite, weshalb die Gattin per Inserat einen Spenderkropf suchen muß. Aus «föderativem Verzichtdenken» opfert ihr schließlich eine Schönheitskönigin die eigene Halszierde.

Crevel hält sich durchaus an Tatsachen. In den alpinen Tälern litten früher viele Menschen an Jodmangel, eine der Ursachen für die krankhafte Vergrößerung der Schilddrüse, bekannt unter den Namen Kropf, Blähhals oder Struma. Doch es geht hier nicht allein um Medizin. Im Kropf ist auch die famose Metapher für eine Mangelkrankheit ganz anderer Art zu erkennen: Die Schweiz würgt an ihrer eigenen Geschichte, ohne daß sie sie loswerden oder verdauen könnte. Die selbst verfertigte Legende bleibt ihr knotig, aufgebläht im Halse stecken. Wer in diesem Land um politische Respektabilität buhlt, muß tatsächlich einen prächtigen Kropf vorzeigen. An der Wucherung erkennt ihr den rechten Eidgenossen! Kein Wunder, daß sich - wie kürzlich der Bundesrat Kaspar Villiger sprach - die Schweizer wie kein anderes Volk mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen.

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«Der Starke ist am mächtigsten allein». Ein anderer Ausländer hat diese orakelnden Worte über die Eidgenossenschaft gedichtet, und sie sprechen tief aus der helvetischen Volksseele. Was kümmert es dabei, daß der knorrige Tell damit bloß zu untertäniger Duldsamkeit aufruft: «Ein jeder lebe still bei sich daheim,/ Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden». Doch exakt um diesen Frieden ist es geschehen, seit ein dritter Fremdling uns zwingen will, unsere wirkliche Geschichte zu grüßen. So wie dem Tell durch Gessler «die Milch der frommen Denkart» verwandelt wurde, wird sie neuerlich gesäuert, seit der amerikanische Senator Alfonse D'Amato im April 1996 zum Kreuzzug gegen die Schweiz aufgerufen hat.

Gemeinsam mit dem «Jüdischen Weltkongreß» klagt er die helvetischen Banken an, den Nationalsozialisten als lebenswichtige Golddrehscheibe gedient zu haben; der wesentliche Grund, weshalb die Schweiz vom Krieg verschont blieb. Zudem sollen die Schweizer Bankiers zusammen mit den politischen Behörden nach Kriegsende, als die Gefahr einer Okkupation gebannt war, auf skandalös zynische, lügnerische Weise sich jeglicher Verantwortung entzogen haben. Ohne Scheu unternahmen sie alles, um ihre Profite aus den Kriegsgeschäften zu sichern. Andere Wirtschaftszweige taten es ihnen gleich und in Einklang mit ihnen wurde innenpolitisch die Legende vom heroischen Opfergeist und der mutigen Selbstbehauptung entworfen.

Ein paar diplomatische Peinlichkeiten ausgenommen, haben weder Banken noch Behörden auf diese Vorwürfe D'Amatos zu reagieren gewußt. Es wurde bloß dementiert oder mit vornehmer Zurückhaltung geschwiegen. Wer nichts aus der Geschichte lernt, der wiederholt sie. Das Sprichwort klingt abgedroschen, in diesem Fall aber trifft es zu. Wiederholt sind die genannten Verfehlungen in den letzten fünfzig Jahren zur Diskussion gebracht, doch regelmäßig abgewehrt und von neuem hinuntergewürgt worden. Erst die unzimperlichen Angriffe D'Amatos haben dem ein Ende gesetzt. Der kürzlich publizierte Eizenstat-Bericht zur Rolle des Schweiz im Zweiten Weltkrieg bekräftigt sie offiziell und die umstrittene BBC-Reportage «Nazigold und Judengeld» verbreitet sie bildhaft in aller Welt. Seither gibt es kein Verkriechen und Verschweigen mehr.

Angesichts dieser Übermacht mußte der Bundesrat seine dilettantische Hinhaltetaktik aufgeben. Einer sichtlich überraschten Öffentlichkeit präsentierte er im März dieses Jahres die außergewöhnliche Idee einer «Stiftung für Solidarität», die gespiesen würde aus dem Zinserlös eines Teils der Goldreserven. Dieser Befreiungsschlag zur Rettung des angekratzten Images sollte freilich als rein humanitäre Geste verstanden werden, ausdrücklich ohne jede «Schuldanerkennung». Nicht zuletzt deshalb ist das Signal bereits wieder verhallt. Zurzeit wird die Stiftungsidee in den politischen Mühlen von Kleinkrämern zerredet. Im Grunde sind sie ja alle dafür, aber... - und schon würgt's wieder im Blähhals. Kropfiges Goldzählen und Wortgeklaube hat Methode in einer Republik, die dadurch reich geworden ist. Die Schweiz duckt sich hinter dem Tresen und macht sich unscheinbar.

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Natürlich gibt es auch eine Kehrseite. Spätestens seit dem Wirken von Max Frisch und Leopold Lindtberg gehört die kritische Befragung der Vergangenheit zu den Aufgaben der Schweizer Intellektuellen. Ihre grundsätzlichen Zweifel haben Studien von Alfred A. Häsler («Das Boot ist voll!») und Werner Rings («Raubgold aus Deutschland») bis hin zur jüngern Historiker-Generation (G. Trepp, J. Picard, J. Tanner, B. Balzli u.a.) auch wissenschaftlich untermauert. Besonders letzteren ist aber kaum breite Resonanz zuteil geworden.

«Wir haben unsere Geschichte weggelogen», sprach Thomas Hürlimann unlängst in seiner Dankesrede für den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung. «Wir haben uns mit der Legende verwechselt, und im Moment, wo diese Legende platzte, waren wir nicht mehr vorhanden.» Ihm pflichtet Adolf Muschg im Essay «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» (1997) bei mit dem Hinweis, daß es keine Schande gewesen sei, sich draußen zu halten, aber daß die Schweiz «an diese Lüge ihre Identität gebunden hat, war nicht nur ein Unglück, es war eine Dummheit». Von ihr selbst unbemerkt droht die Schweiz dergestalt zur real existierenden Utopie zu werden. Ein Nirgendort ohne Perspektive, in dem sich die politische Vernunft hinter einem anachronistischen agrarischen Mythos versteckt.

Daß es dem Agent provocateur D'Amato gelungen ist, diesen harten Kropf zumindest anzustechen, hat wesentlich damit zu tun, daß es sich bei ihm um einen «fremden Fötzel» (ein ausländisches Subjekt) handelt. Mit den einheimischen Kritikern ist man bisher ja ganz gut zurecht gekommen, zumal diese weitgehend auf polemische Töne verzichten. Ausnahmen wie der brillante Niklaus Meienberg oder der geltungsbedürftige Jean Ziegler spielen lediglich die akzeptierte Rolle des «inneren Schweinehundes». Wenn aber das Ausland seine alte Liebe zum helvetischen Idyll aufkündigt, muß dies hierzulande als ebenso schmerzlich wie ungerecht empfunden werden. Unvorstellbar: Die Wiege der Freiheit als Hort für Raub- und Totengold?

Besonders rechtsbürgerliche Kreise, die sich gern als Siegelwahrer der eidgenössischen Legende aufspielen, fühlten sich davon bitter betroffen. Während Monaten schienen sie wie gelähmt, bis dann am 1. März dieses Jahres ihr «Volkstribun», der neureiche Industrielle, Nationrat und EU-Gegner Christoph Blocher, den Bann brach. Mit einer kämpferischen «Klarstellung» verscheuchte er endlich die Wolken des nagenden Selbstzweifels. Ginge es nach ihm, hätte die Schweiz im zweiten Weltkrieg klug, mutig und standhaft gehandelt. Mochten ausnahmsweise auch Verfehlungen vorgekommen sein, so durch «Anpasser und Leisetreter, die es immer gab».

Nicht ohne gute Gründe betont Blocher, daß nur ein Teil der Schweizer Bevölkerung unrecht getan habe. Gewillt, die Schweiz zu verteidigen, standen die Soldaten an der Grenze, derweil die Kriegsgewinnler ihre lukrativen Geschäfte hintenrum abwickelten. Indem er aber deren Gewinne verkleinert und die Beklommenheit jener vergrößert, erteilt er seiner Zuhörerschaft die Generalabsolution und bannt die Furcht davor, daß sie die eigene Geschichte: den Kropf verlieren könnte. In seiner Rückschau wirft er nicht ohne Geschick kleinmütiges Mitläufertum und dezidierten Widerstand zusammen. Letzterer dient gleichsam als Mäntelchen für eine ideologische Geschichtskonstruktion, mit der sich auch die Schweiz als Kriegsopfer ausweisen darf. Wenn nötig, behilft sich Blocher zu dem Zweck auch perfider Relativierungen. Das "Totschlagsargument" der pro-europäischen Sympathie reicht ihm beispielsweise, um den Nazi-Schriftsteller Jakob Schaffner mit dem EU-Befürworter Adolf Muschg gleichzusetzen und letzteren als Opportunisten und Landesverräter erscheinen zu lassen. Mögen solche rhetorischen Volten auch albern und dumm klingen, den schlagzeilenträchtigen Effekt verfehlen sie selten.

Erstaunlich ist aber vor allem, wie sehr diese Rhetorik zwischen Anbiederung und Distanzierung hin und herschwankt. Auf der einen Seite teilt und bestätigt Blocher das heile Heimatbild seiner Fangemeinde, auf der anderen Seite hebt er sich ostentativ aus ihrer Masse heraus. In diesem Sinn ist die Polemik gegen die Solidaritäts-Stiftung zu verstehen. Vehement bekämpft Blocher diesen Mißbrauch von «Volksvermögen» und schlägt als Ersatz vor, daß reiche Schweizer das notwendige Kapital mit der Spende je eines Jahreseinkommens äufnen sollten. «Meine Million ist gesetzt» ließ er in dem Sinne am 21. Juni vor Publikum verlauten - doch erst, wiegelte er später ab, wenn andere mitmachen würden. Zu diesem Zweck hat er jüngst völlig unverbindlich eine rein gemeinnützige «Jubiläumsspende 98» in Aussicht gestellt. Die Reichen sollen's richten und vor allem die Solidaritäts-Stiftung verhindern.

Wie nahe bei Blocher Volkstümlichkeit und Volksdümmlichkeit liegen, zeigen schließlich auch die Plakate seiner Schweizerischen Volkspartei, die zurzeit gegen die «Erpressung» des Schweizer Volks zu Felde zieht. Die Figur, welche darauf den typischen Eidgenossen verkörpert, karikiert ihn als trottelhaften Hinterwäldler. Nehmen die Schweizer diese Veräppelung nicht wahr oder stehen sie selbstironisch darüber? Auf jeden Fall scheint Blocher den Nerv einer verunsicherten Bevölkerung zu treffen, die verstanden werden und bewundern will. So gesehen verkörpert er die Idealgestalt des patriotischen Nationalisten, der es zu wirtschaftlichem Erfolg und Wohlstand gebracht hat. Ein gewichtiges Argument in einem Land, das per Abstimmung Vermieterinteressen schützt und Erbschaftssteuern abschafft: Vielleicht ziehe ICH morgen das große Los... Eine Variation des Wunschkonjunktivs, auf dem auch die Schweizer Geschichtslegenden beruhen.

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Weit gefährlicher als Großmannsgetue und Selbstgerechtigkeit wirken allerdings die kaschierten Vorwürfe Blochers gegenüber den «jüdischen Organisationen, die von uns Geld verlangen». Juden und Geld: die Verschwörung des Geldjudentums. Die permanente Wiederholung bestätigt antisemitische Vorurteile und läßt sie patriotisch korrekt erscheinen. Ihm diesbezüglich kräftig vorgearbeitet hat der Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz. Zum Jahresende 1996 schwafelte er etwas von «Wucher und Erpressung» durch jüdische Kreise. Im nachhinein war natürlich nichts so gemeint gewesen, bloß von jenen Kreisen «falsch verstanden» worden. Doch klingt Delamuraz' perfider Rechtfertigung «Auschwitz liegt nicht in der Schweiz» im Kropf nicht ungesagt die Ergänzung nach: ... sonst hätten wir die Juden hereingelassen?

Solche diskursiven Verrenkungen und Peinlichkeiten sind kaum Zufall. Ludwig Hohl hat eine Ursache dafür genannt: «Die Schweiz leidet an vorzeitigen Versöhnungen, was, genau gesehen, nichts anderes ist als Oberflächlichkeit». Unfähigkeit zur konflikthaften Auseinandersetzung: Wer gegen mich argumentiert, liebt mich nicht. Dies hat Methode in einem System, in dem der politische Konsens apriori den Positionen vorangeht, aus denen er resultieren sollte. Entsprechend wird auch die Geschichte lieber gemeinverträglich in einer Legende entsorgt. Außenpolitische Rufschädigung ist getrost in Kauf zu nehmen, da sich Bankgeheimnis, Landsgemeinde und Rotes Kreuz bisher ja allemal als die überzeugenderen Argumente erwiesen haben.

Doch die aktuelle Diskussion überfordert auf einmal dieses System der Imagepflege. Der SBG-Banker Robert Studer bezeichnet die erbenlosen Vermögen vorneweg als "peanuts" und der oberste Schweizer Imagepfleger Thomas Borer ruft mit unbedachten Sprüchen vor allem Kopfschütteln hervor. Täglich wird die Suche nach nachrichtenlosen Konten für abgeschlossen erklärt und ebenso täglich werden neue Konten aufgespürt. Dem derart verspielten Vertrauen vermag die kürzlich publizierte Liste mit den Namen von 1872 verschollenen Konteninhabern wohl nur teilweise entgegenzuwirken. Um Jahrzehnte zu spät lüften die bedrängten Bankiers damit ein bißchen das Bankgeheimnis, um, wie sie gutmütig beteuern, das Geheimnis der verschollenen Kunden nun erst recht wahren zu können. O edle Einfalt! Edgar Bronfman vom "Jüdischen Weltkongreß" hat darauf mit der Prophezeiung reagiert, daß das Bankgeheimnis bald fallen werde. Ein Alptraum angesichts der Fluchtgelder, die in Milliardenhöhe in helvetischen Tresoren lagern und von den rechtmäßigen Besitzer zurückgefordert werden könnten.

Die Situation ist also desolat, aber nicht hoffnungslos. Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß sich die Schweizer Bevölkerung allen Unkenrufen zum Trotz doch noch differenziert, kritisch und selbstbewußt mit der wirklichen Vergangenheit auseinandersetzt, sich nicht von mythenseligen Einflüsterern benebeln läßt und begangenes Unrecht so weit möglich wiedergutmacht. Es gibt ja noch Wunder. Jene aber, die bereits wieder gelangweilt abwinken, seien daran erinnert, daß es sich hierbei um eine Auseinandersetzung handelt, die symptomatisch ist für die behäbige, mürrische, verunsicherte Verfassung dieses Landes. Kommen wir damit abermals nicht klar, werden wir ewig solche Nachhutgefechte liefern, derweil die Nachbarn das stolze Vorbild von einst längst ein- und überholt haben. Was vom Sonderfall dann bleibt, ist der Kropf.


Abgedruckt in > Freitag (Berlin), 1. August 1997