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The impetus of the group was to investigate and decipher the narratives of domination and control which surround high technological culture, and explore the construction of social space, identity and sexuality in cyberspace. (VNS-Matrix)

Gibt es ein Leben offline?

Sherry Turkles "Leben im Netz"

von Beat Mazenauer


«Multi User Domains, sogenannte MUDs bezeichnen Spielwiesen der besonderen Art im Internet. Menschen treffen sich hier, um rein über Text miteinander eine parallele Netzgemeinschaft zu begründen. Der Erfolg dieser MUDs besteht darin, dass diese Rollenspiele anonym ablaufen und ihnen somit keine Grenzen gesetzt sind. Dafür besteht auch akute Suchtgefahr, wie Sherry Turkle in ihrem Buch «Leben im Netz» belegt.

Kürzlich hat eine Wissenschafterin vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), Rosalind Picard, angekündigt, sie wolle einen «Computer mit Herz» entwickeln. Sensoren würden darauf getrimmt, dass die mitfühlende Maschine auf finstere Mienen, Herzrasen oder Schweisshände reagierte und den verwirrten User mitfühlend fragte: «Na, ganz ruhig. Kann ich helfen?» Ein schönes, zutiefst menschliches Vorhaben, das unser Verhältnis zum «persönlichen Computer» entkrampfen könnte. Er würde uns nicht länger mit lapidar unverständlichen Fehlercodes ärgern, sondern uns stattdessen Trost und Munterkeit anbieten. Derart betreut, liesse sich sogar die Telearbeit erträglich gestalten.

Noch ist diese grandiose Gefühls-Technologie nicht voll ausgereift, so dass wir uns bis auf weiteres anders gegen die telekommunikative Vereinsamung wappnen müssen. Zum Beispiel mit virtuellen Spielplätzen auf dem Internet, den «Multi User Domains» (MUDs), in denen sich eine bunte Schar von Usern zu selbst organisierten Netzgemeinschaften zusammenfindet. Mit einer frei gewählten Spiel-Identität maskiert, lässt sich hier die eigene soziale Kompetenz erproben. Per Tastatur werden flugs geographische und soziale, vor allem aber auch die sexuellen Grenzen durchlässig. Männer sind Frauen, Frauen sind Männer. Diese Identitätsspiele verfolgt Sherry Turkle, Psychologin und Wissenssoziologin am MIT, seit Jahren mit besonderem Interesse. Bereits 1984 untersuchte sie in «Die Wunschmaschine» die Intimität zwischen Mensch und Computer. Ihr neues Buch «Leben im Netz» (im Original 1995) erweitert und aktualisiert diese Forschungen.

Pointiert zusammengefasst sind MUDs Tranquilizer für frustrierte Mittelschichtler, die im Spannungsfeld von Theater, Sucht und Therapie nach einem Ausweg aus ihrer sozialen Depression suchen. Online suchen sie Verständnis und Mitgefühl, das ihnen im «real life» offline zu fehlen scheint. Die virtuelle Existenz mit wählbarer Identität wirkt dabei anregender als das gewöhnliche Leben und lässt sich im Notfall per Mausklick beenden. So bewegen sich eifrige MUD-User nicht selten zwölf und mehr Stunden in diesem parallelen Ersatzleben.

Ein Leben in die Breite

MUDs sind der vielleicht stärkste Ausdruck dessen, was heute unter den Begriffen «Bastelbiographie» und «fragmentiertes Selbst» diskutiert wird. Die multiple Persönlichkeit der Postmoderne verfügt über verschiedene Identitäten, die bei passender Gelegenheit hervorgekehrt werden. Sie wären demnach ähnlich in die Breite statt in die Tiefe organisiert wie das Internet oder die Desktop-Struktur des Computers. Diese «affektive Verflachung» (Frederic Jameson) setzt freilich nicht erst online ein. Turkle zeigt auf, dass die Wege dafür offline geebnet werden. Viele der von ihr gesammelten Geschichten gleichen psychologischen Fallbeispielen, sie erzählen kleine Fluchten aus bedrückenden persönlichen Verhältnissen, die nicht selten eine spätere Rückkehr ins «real life» versperren. Immerhin, glaubt sie, könnten die Rollenspiele mithelfen, auf der Klaviatur der Identitäten zu spielen, ohne «dem inneren 'Kollektiv' Schaden zuzufügen». Handkehrum scheinen MUD-Suchtfälle keineswegs selten.

Einer verwandten Dimension der Computertechnologie ist der Mittelteil von «Leben im Netz» gewidmet. Sherry Turkle diskutiert hier den aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) und dem Künstlichen Leben (KL). Während die KI an die Grenze der rein instrumentellen Intelligenz anzustossen scheint, verlegen sich die technoiden Visionen verstärkt auf künstliche Lebenswelten. Binäre Codes pflanzen sich evolutiv fort und kreieren eigenständig neue «Lebensformen». Erst Formen davon geistern heute schon als sogenannte «persönliche Agenten» diensteifrig in der Netzwelt umher. Gelingen Rosalind Picards Arbeiten, werden sie dereinst aber nicht mehr nur die Post sortieren oder Terminpläne strukturieren, sondern ihren «sterblichen Meistern» auch als Muntermacher beistehen.

Bloss fragt sich, wer von solchen Segnungen profitieren soll. Die technologische Perfektionierung des Menschen stellt sich vordergründig in den Dienst eines menschenwürdigeren Lebens. Insgeheim aber trägt sie zur Verunklärung des Begriffes «Leben» bei. Nehmen wir die Träume der Wissenschaft wirklich ernst, wird im Grunde weniger eine Verbesserung des «real life» angestrebt als der effiziente Umgang mit der menschlichen «Lebenswelt»: Human Engineering. Solche aseptischen Utopien gehen mit der Gentechnologie eine verhängnisvolle Koalition ein.

Psychologisches Soziallabor

«Leben im Netz» demonstriert den Wandel von Worten, Metaphern und Haltungen, der seit der Erfindung des «persönlichen Computers» in Gange ist und der dazu geführt hat, dass sich psychologisches und computertechnisches Vokabular in diesem Bereich stark vermischt haben. Das Buch überzeugt dadurch, dass Turkle ihre Faszination für Computer und Netzwelten kritisch zu zügeln und mit sozialpsychologischen Interpretationen zu verbinden weiss. Allerdings unterlaufen ihr dabei einige Wiederholungen und Wucherungen, die das gut lesbare Buch umfangreicher als nötig machen. Zudem fällt am Ende ihr Optimismus bezüglich der prophylaktischen Wirkung des «Soziallabors für Experimente mit Ich-Konstruktionen» etwas allzu unbedenklich aus. Dies auch deshalb, weil Turkle jeden quantitativen Hinweis auf das Phänomen der MUDs vemeidet, so dass das wahre Ausmass der virtuellen Gemeinschaften ungeklärt bleibt. So lässt sich ihr realer gesellschaftlicher Stellenwert nur schwer einschätzen.


Sherry Turkle: Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Rowohlt Verlag, Reinbek/Hamburg 1998. 544 Seiten.

 

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Der elektrische Webstuhl

Sadie Plants "nullen + einsen"

von Beat Mazenauer


Computer sind Männersache. Wie Autos. Männer vergraben sich stunden-, tagelang ins Reich der binären Codes und virtuellen Spielereien. Frauen hingegen ziehen die soziale Begegnung vor, sagt man. So weit das Vorurteil. Seit der Jahrhundertwende, seit also Schreibmaschinen die Büroarbeit verändert haben, ist Tipparbeit indessen Frauensache. Daran haben die neuen Computersysteme wenig geändert. So war es keine Überraschung, als Mitte der Achtzigerjahre vor allem die Cybermanifeste von Donna Haraway "eine Welle subversiver weiblicher Begeisterung für die neuen Netzwerke und Maschinen" weckten. Der begriffliche Zusammenhang von Matrix und Hysterie, aus dem lateinischen respektive griechischen Wort für Gebärmutter abgeleitet, wurde wieder entdeckt.

Die Schnittstelle zwischen Feminismus und digitalen Technologien steht im Zentrum des Interesses der 34jährigen Engländerin Sadie Plant, der Direktorin der "Cybernetic Culture Research Unit" an der University of Warwick und, wie der "Guardian schrieb, "wohl die interessanteste Frau Grossbritanniens". Solche Lorbeeren trugen ihr das Erfolgsbuch "nullen + einsen" ein.

Auf die angesprochene Schnittstelle hat niemand geringerer als Sigmund Freud hingewiesen, als er seine Tochter Anna am Webstuhl sitzen sah und in ihrem Tun auf einmal eine elementare Kulturleistung erkannte. "Textilien sind buchstäblich das Software-Unterfutter aller Technologie", bringt es Plant auf den Punkt. Alle komplexen Prozesse und zuvorderst die digitalen, versuchen das Chaos in Ordnungsmustern festzuknüpfen. Der Computer ist gewissermassen die elektronische Fortentwicklung des Webstuhls.

Mit weit reichenden Folgen. Die herkömmlichen Hierarchien werden dadurch gestürzt, die Ausschliessungslogik von Ja / Nein beziehungsweise Mensch / Maschine, Kultur / Natur wird in Frage gestellt. Vor allem aber verliert der binäre Code von 0 und 1: weiblich und männlich, Vagina und Penis, Loch und Linie seine Gültigkeit, indem hinter der Polarität für Plant ein neues Drittes erkennbar wird: die Textur von Materie und Geist.

En detail mag diese Metapher forciert, eindimensional wirken, aber sie verdeutlicht das Zusammenwirken verschiedener Fäden in vernetzten Strukturen und darüber hinaus den spezifisch weiblichen Beitrag zur modernen Digitaltechnologie. Plant bezieht sich dafür auf Ada Lovelace, die Tochter Byrons und eine Freundin des Technopioniers Charles Babbage, deren Beiträge zur "Differenzmaschine" Mitte des letzten Jahrhunderts weit über ihre Zeit hinauswiesen. "Ich bin als Prophetin in die Welt geboren worden & diese Überzeugung erfüllt mich mit Demut, mit Zittern und Beben." Selbstbewusst und visionär forschte Ada nach dem Dritten jenseits von Null und Eins, jenem Materiell-Geistigen, das in der "verborgenen Wirklichkeit der Natur" geborgen sein müsse.

Heute widerhallt Byrons Ruf in den Literaturgeschichten, Ada Lovelace dagegen ist vergessen gegangen wie so viele Frauen in der männlich geprägten Technikgeschichte. Sadie Plant ruft sie ins Bewusstsein zurück und stellt sie an den Anfang einer langen Reihe von Computerpionierinnen, die den männlichen Primat, das männliche Monopol auf diesem Gebiet bestreiten. Heute, wird geschätzt, nutzen Frauen das Internet zumindest ebenso häufig.

Gestützt auf die Erkenntnisse von Luce Irigaray oder Michel Foucault verspinnt Plant untrschiedliche Erzählfäden. Grob lässt sich eine Linie von Ada Lovelace und der Metapher des Webens über mediengeschichtliche Erörterungen hin zu multipler Persönlichkeit, kybernetischen Systemen und der damit provozierten Verflüssigung des Geschlechts (Feminisierung, Nicht-Identität) am Ende eines langen evolutiven Prozesses verfolgen. Künstliches Leben ist als Fortsetzung dieser Entwicklung angedeutet.

Das Abhäkeln am Ende geht allerdings etwas allzu flott vonstatten. Plant drückt sich um den Schluss, das heisst um eine vorläufige Schlussfolgerung herum. Dies mag etwas buchmässig, essayistisch gedacht sein, doch formal ist "nullen + einsen" eben ein Buch. Doch nicht nur deshalb würde es interessieren, zu welchem Ergebnis die Autorin die feministischen, mediengeschichtlichen, kybernetischen und evolutiven Stränge verflicht. Ohne Rückkoppelung ("Reverse Engineering") auf Ada Lovelace und den Webstuhl wirkt ihre Darstellung am Ende ungewollt linear und eindimensional.

Immerhin, konkrete Anknüpfpunkte von Gender Studies und Medienentwicklung finden sich inmitten des Buches angedeutet. Frauen waren durch ihre spezifische Berufssituation seit jeher zu vermittelnder Interaktion und Flexibilität angehalten, weswegen ihnen die neuen Medien entgegenkommen. Gegenüber den Männern haben sie weder Macht noch Vorrechte zu verteidigen, welche durch die flachen Hierarchien der neuen Technologien gründlich unterminiert werden, so dass die vertikale Logik der Herrschaft ihre Bedeutung verliert. "Intelligenz ist nicht länger auf der Seite der Macht", äusserte Plant dazu in einem Interview mit Matthew Fuller, das von ihrer Homepage abrufbar ist. "Die alte Vorstellung des Individuums als von der Natur und vom Rest der Welt abgetrennte Einheit ist passé" und somit "alle Systeme von Herrschaft", die auf dieser Art der Trennung basieren.

Darin liegt eine der im Buch nur vage explizierten Hoffnungen, die Sadie Plant mit den neuen Technolgien aus feministischer Sicht verknüpft. "Die männlichen Mythen vom Sockel stürzen, die Frauen von technologischen Erfindungen und ihren kulturellen Produkten entfremden", bekräftigen kämpferisch die Cyberfeministinnen von "VNS Matrix", auf die sich auch Plant bezieht.


Sadie Plant: nullen + einsen. Digitale Frauen und die Kultur der neuen Technologien. Aus dem Engl. von Gustav Rossler. Berlin Verlag, Berlin 1999. 304 Seiten.

(erschienen in: BAZ Magazin, 31. Juli 1999)

 

 

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