.....................................................................

Die Digitale Bibliothek

Literatur und Philosophie auf flitzenden Silberscheiben

 

Lesen und Computer vertragen sich nur bedingt. Daran ändert vermutlich auch das "elektronische Buch" nichts, mit dem die Gutenberg-Kultur ins Offside geschickt werden würde. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach ist bis dahin noch eine gute Strecke zurückzulegen, so dass Literatur auf CD-ROM oder online weiterhin ihre mediengerechten Nischen suchen müssen.

Auf gutem Weg dazu scheint die "Digitale Bibliothek", die in der Zwischenzeit auf zehn CD-ROM-Bände angewachsen ist.

Mit "Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka" haben ihre Herausgeber vor einem Jahr einen Anfang und damit zugleich einen neuen Standard gesetzt. Bei ihr handelte s sich nicht bloss um ein Taschenbuch, vielmehr um eine umfassende Taschenbibliothek. Mit minimalem Raumbedarf speichert sie rund 70 000 Buchseiten und hält sie in Bereitschaft. Das enorme Textkorpus aus der Feder von insgesamt 58 Autoren und Autorinnen bietet fast alles Wünschbare aus dem Zeitraum zwischen Aufklärung und Jahrhundertwende, zumindest was den literarischen Kanon betrifft. Goethe, Schiller, Fontane natürlich, bis hin zu Heym, Trakl und Kafka. Aber auch Herder, Tieck und Jean Paul in leidlich umfangreicher Auswahl. Die Lücken werden erst bei speziellen Vorlieben manifest. Weerth oder Börne werden vergeblich gesucht, ebenso wie die Textgattungen Briefe und Tagebücher.

Zur ausgedehnten Lektüre eignet sich diese Auswahl wohl nicht, der leuchtende Bildschirm steht davor, umso mehr taugt sie zum phantastischen Arbeitsinstrument. Wer hat schon alle diese Werke im Büchergestell stehen? Das Fehlende aber lässt sich hier leicht nachschlagen und -lesen. Zur Quantität gesellt sich noch die Qualität. Das digitale Füllhorn überzeugt vor allem durch seine Editionspraxis. Erfreulicherweise haben die Herausgeber nicht einfach ein paar Texte zusammengeklatscht, sondern sie nach verlässlichen und teils sogar kritischen Ausgaben ausgewählt. Eingedenk der Seitenkonkordanz mit dem Buchoriginal wird die CD-ROM selbst zitierfähig.

"Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka" beschränkt sich (ohne Kommentare) ganz auf die Texte, die sich komfortabel mit den üblichen Funktionen für die Analyse erschliessen lassen. Diese Werkzeuge sind in der Zwischenzeit nochmals verbessert worden. Die Bände 9 und 10 der Reihe, Walter Killys "Literaturlexikon" zur deutschen Literatur sowie die "Briefe, Tagebücher, Gespräche" von Goethe nach der Weimarer Ausgabe, erscheinen in einer neuen Softwareversion. Sie perfektioniert vor allem die Suchfunktion mit einer eingebauten Schreibtoleranz, wählbaren Suchbedingungen (z.B. nach Briefempfängern) sowie ausgebauten Suchoperatoren. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass über die neue Softwareversion auch die alten CD-ROM der Reihe gesteuert und optimal genutzt werden können. Inhaltlich überzeugen diese Bände, weil sie ausgezeichnet als Wissensfundus dienen. Killys Literaturlexikon zählt mit seinen 15 Bänden in Buchform zu den Standardwerken, auch wenn es mit Editionsschluss 1992 die jüngste Literatur nicht mehr abdeckt. Und Goethe ist mit seinen 13500 Briefen sowie den Tagebüchern und Gesprächen ohnehin eine Wundertüte für die Spanne seiner Lebenszeit; wer dazumals Rang und Namen hatte, taucht im Personenverzeichnis auf. Beide CD-ROM sind so grossartige Instrumente, die weder Analyse noch Lektüre abnehmen, aber mithelfen, hierin zu neuer Erkenntnis zu gelangen.

Daneben umfasst die "Digitale Bibliothek" auch fünf Werk-CD-ROM zu Goethe, Lessing, Heine, Fontane und E.T.A. Hoffmann, die nebst einer umfassenden Werkauswahl jeweils die rororo-Monographie sowie Bilder und Hörtexte umfassen. Sie sind ebenfalls nach demselben Muster aufgebaut wie auch auch die CD-ROM "Philosophie von Platon bis Nietzsche" mit Werken Werke von über 60 Autoren aus 2500 Jahren abendländischen Denkens.

Eine weites Feld, dass trotz der immensen Speicherkapazität einer CD-ROM einer strengen Auswahl bedurft hat. Sie favorisiert ethische und erkenntnistheoretische Aspekte auf Kosten vor allem von Politik und Ökonomie. Dies zeigt sich etwa bei Aristoteles, dessen Poetik und Politik fehlen, wogegen Metaphysik, Physik und Ethik enthalten sind. Ausgeprägter wird es im Fall der englischen Philosophie demonstriert. Mit Berkeley, Hobbes und Locke vertreten, fehlen sowohl Schlüsselwerke wie andere bedeutende Namen. Wir vermissen Hobbes "Leviathan" und Lockes "Zwei Abhandlungen über die Regierung", aber auch Philosophen wie den "konservativen" Edmund Burke, den "utilitaristischen" John Stuart Mill oder den "liberalen" Adam Smith. Entsprechend fehlt hier auch Montesquieu, worüber Rousseaus "Gesellschaftsvertrag" nicht ganz hinwegtröstet.

Mit umfassenden Auswahlen ist dafür die deutsche Philosophie mit Kant, Hegel, Fichte, Schopenhauer und Nietzsche vertreten, auch wenn Marx wiederum kurz gehalten wird und bei Hegel die Ästhetik fehlt. Dafür gibt es eigens eine Abteilung für die "Ästhetische Theorie der Goethe-Zeit" mit Texten von Winckelmann bis Kleist.

Ihre Auswahl begründen die Herausgeber auch damit, dass wegen des günstigen Endpreises der CD-ROM darauf geachtet werden musste, ob die gewünschten Texte in Ausgaben mit modernem Schriftsatz und ob fremdsprachige Texte in "gemeinfreien Übersetzungen" (ohne finanzielle Abgeltung) vorhanden waren. Gleichwohl bleibt der Befund klar: Der Name "Digitale Bibliothek" steht schon nach einem Jahr für Verlässlichkeit, hohe Qualität und optimalen Bedienungskomfort. Kein geringes Verdienst in dem verwirrenden Dickicht der neuen Medien.

Gleichwohl hat es nebenher natürlich Raum für weitere Angebote. Zum Beispiel von so faszinierenden wie unterschiedlichen Werken wie der Bibel oder der Werke Arno Schmidts. Der hypertextuelle Zugriff vermag bei beiden zu helfen, sich darin zu orientieren.

Die Klage über fehlende, mangelhafte und "über alle Massen erbärmliche Register" findet sich bei Arno Schmidt allenthalben. Der Meister aus Bargfeld, der das enzyklopädische Wissen wie kein anderer seinem eigenen Werk anverwandelt hat, hat Register sehr geschätzt. Mit Vergnügen würde er daher wohl reagieren auf die Feststellung, dass er selbst - zumindest posthum - keine diesbezüglichen Wünsche mehr offen lässt. Der Grund dafür liegt in einer CD-ROM, auf der sein Oeuvre digitalisiert und registriert ist. Einzig das Chef d’oeuvre "Zettels Traum" fehlt noch und wird per update dereinst nachgeliefert werden.

Diese CD-ROM verbindet die Solidität der massgeblichen "Bargfelder Ausgabe" mit rasanter Navigation, komplexen Such- und Zählfunktionen. Dafür, dass Karteizettels Alpträume für immer ein Ende zu haben scheinen, sorgt vor allem eine Konkordanz. Mit ihrer Hilfe ist jedes der gespeicherten rund zweieinhalb Millionen Worte wenn nicht entschlüsselbar, so wenigstens in seinem Kontext auffindbar. In diesem Sinne stellt diese CD-ROM eine bereichernde Fundgrube dar, in der sich kreuz und quer schmökern und allerhand Überraschendes entdecken lässt.

Dasselbe gilt für die Bibel. Schmidt hat sie als "unordentliches Buch mit 50000 Textvarianten" bezeichnet, deshalb lässt die digitale Erfassung der Bibel ausgezeichnete Dienste erhoffen. Auf CD-ROM macht uns die «Quadro-Bibel» diesen Gefallen. Vier Versionen (Einheitsübersetzung, Gute Nachricht Bibel, Lutherbibel und Revidierte Elberfelder Bibel) sowie das integrierte Bibel-Lexikon von F. Rienecker und G. Maier erlauben eine vergleichende und vertiefte Lektüre dieses "heiligen" Buches respektive dieses kulturhistorischen Dokuments, je nach Auslegung und Blickwinkel.

Ob es in Joh. 1,1 "Am Anfang war das Wort" oder "Im Anfang..." heisst, ist zwar auch hier nicht zweifelsfrei zu klären, der schnelle Direktvergleich auf dem viergeteilten Bildschirm demonstriert immerhin die geringfügige Abweichung. Zusätzlich öffnen Kommentare und Worterläuterungen den Sinnhorizont (das "Wort" ist logos: die alles durchwaltende göttliche Weltvernunft) und verweisen auf zu vergleichende Textstellen. Mit diesen technischen Instrumenten erweist sich die Bibel als ein ebenso vertracktes wie faszinierendes Geschichtenbuch, in dem die göttliche Wahrheit in Mord und Totschlag, Verrat und Liebe getaucht erscheint und in dem zu schmökern sich durchaus lohnt. Als ein Werk, das trotz des Wahrheitsanspruchs im Gestrüpp von Überlieferungen und Übersetzungen heterogen, ja widersprüchlich bleibt. Diese Vielfalt schliesst die CD-ROM mit ihren Erklärungen, Verknüpfungen und schnellen Suchfunktionen auf. Für die reine Lektüre empfiehlt sich allerdings noch immer eine Ausgabe auf gutem altem Papier.

Gerade die Schule, liesse sich denken, müsste als Markt von solchen Produkten angepeilt werden. Bisher hat dies vor allem die Reclam Universalbibliothek mit wenig berauschenden Klassikerausgaben auf CD-ROM versucht. In Zusammenarbeit mit dem Verlag der "Digitalen Bibliothek" versucht Reclam nun einen zweiten und weit verheissungsvolleren Anlauf. Der Literaturwissenschaftler Rainer Baasner und der Informatiker Georg Reichard haben ein "Hypertext-Informationssystem", mit dem sie eine Reihe "Epochen der deutschen Literatur" präsentieren wollen. Die erste CD-ROM zu Aufklärung und Empfindsamkeit ist davon erschienen.

Baasner und Reichard vermitteln Literaturgeschichte, indem sie Übersicht, Autorenporträts, Themen und Werke in kurze, handlichere Texte verpacken und sie konsequent miteinander verknüpfen. Unter dem Namen Lessing lassen sich die Stichworte "freier Autor", "Theater" und "Fabel" anklicken. Derart entsteht eine Hypertextur, die übersichtlich aufgebaut eine reiche Fülle an Informationen vermitteln kann. 34 Autoren und 4 Autorinnen - nebst Lessing, Klopstock oder Gessner auch eher unbekannte wie Johann Karl Wezel oder Anna Luisa Karsch ( - die fehlenden Herder und Wieland werden beim Sturm & Drang folgen). Alle Porträts beinhalten eine knappe Würdigung, Lebenslauf, bibliographische Vermerke sowie einen Hyperlink zu (mitunter zu stark gekürzten) Auswahltexten, die ihrerseits mit einigen Worten eingeleitet und mit anderen Autoren wie Themen vernetzt sind. Insbesondere das weite Feld der thematischen Stichworte - gut einhundert von Reim bis Münzwesen - überrascht angenehm. Nebst literarischen Definitionen finden sich darunter auch soziokulturelle Begriffe, die das Umfeld des literarischen Wirkens im 18. Jahrhundert knapp und anschaulich erhellen.

Ausführlichkeit ist sicherlich nicht die erste Tugend dieser CD-ROM, eher schon haben sich die beiden Autoren einen thematisch umfassenden Überblick zum Ziel gesetzt und dieses auch eingelöst. Nebst dem Pflichtstoff kommt so Überraschendes, Unbekanntes, Randständiges zur Sprache. Ein besonderes Lob gilt es auch für die Illustration auszusprechen. Viele der Texte, besodners die Porträts, sind von zahlreichen Bildern begleitet, die sich obendrein durch beispielhafte Qualität auszeichnen.

Wie bisher üblich ersetzt auch diese CD-ROM das Medium Buch nicht. Baasner und Reichard haben aber eine Hypertext-Version ausgearbeitet, die die literaturgeschichtliche Darstellung nicht konkurrenziert sondern aufs Anschaulichste ergänzt. Im Buch lassen sich Kontinuitäten nachlesen, auf der CD-ROM wird die vernetzte Vielfalt erfahrbar. Damit behauptet sie gegenüber dem analytischeren Buch eine eigene Qualität.

Die Differenz ist vor allem gegenüber den Reclam-Klassikerausgaben auf CD-ROM, die nicht zu überzeugen vermögen, frappant. Ein vergleichbares Konzept: die multimediale Aufbereitung von Einzelwerken, verfolgt auch das LiteraMedia-Projekt von Suhrkamp, Hörverlag und Terzio-Verlag. Sechs CD-ROM sind bisher erschienen: Brechts "Leben des Galilei", Frischs "Homo Faber", eine Märchenauswahl der Brüder Grimm, Hesses "Siddharta", Büchners "Lenz" sowie Goethes "Werther".

LiteraMedia bringt die Werke in seitenidentischer Übertragung, erweitert um Kommentare und Hintergrundinformationen. Bilder und die Lesung der Werke runden die multimediale Palette ab. Was diese CD-ROM-Edition gleich vorneweg aufallt, ist ihre aufwendige grafische Gestaltung. Brecht zum Beispiel wird in satten orange-roter Farbtönung und mit verwirrend schönen Bildcollagen vorgestellt. Allein unter der Schönheit leidet etwas die Übersichtlichkeit. Es braucht eine Weile der Gewöhnung, bis die Inhaltsstruktur einem sich einprägt. Dann funktioniert es, ausgenommen die Rückkehr-Funktion. Zwei drei Linkverbindungen und der Ausgangspunkt ist vergessen.

Am Ende aber obsiegt der Text: Brechts aktuelles Stück oder Büchners eindringliche Novelle. Dazu kommen die überwiegend profunden Seitenkommentare, die im Originaltext selbst durch strukturierende oder erklärende Randbemerkungen ergänzt werden. Recht ausführliche Texte zu Leben und Werk des Autors, zu den historischen Hintergründen sowie zur Analyse des fraglichen Buches. Originaldokumente wie Brechts Rede vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe in den fünfziger Jahren schliessen das Angebot ab.

LiteraMedia präsentiert also sehr dienliche Lesehilfen (als Ergänzung zum Buchoriginal), mit den üblichen Such-, Kopier-und Notizfunktionen. Die kommentierenden Texte bedienen sich einer anschaulichen, schulgerechten Sprache, die den Spezialisten dafür nicht alles abverlangt. Die Vereinfachung auf den Schulgebrauch macht sich auch bei den relativ knapp gehaltenen Literaturangaben bemerkbar, die nicht immer den neuesten Stand der Forschung repräsentieren. In dieses Kapitel gehört auch der Einwand, dass bei den Grimm-Märchen, obgleich der ausgewiesene Kenner Heinz Rölleke für den Kommentar verantwortlich zeichnet, noch immer die eine oder andere Legende über die Grimmschen Märchen mitgeschleppt wird. Alles in allem aber dient sich diese CD-ROM-Reihe als modern aufgemachtes Hilfsmittel für die schulische Interpretation von Werken der Weltliteratur an.

 

Digitale Bibliothek. Directmedia Publishing, Berlin. Für Windows ab Version 3.11.
1: Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, 1997, 96 Fr.
2: Philosophie von Platon bis Nietzsche, 1998, 96 Fr.
9: Walter Killy: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, 1998, 189 Fr.
10: Johann Wolfgang von Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. 1998, 189 Fr.

Quadro Bibel auf CD-ROM. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1998. Für Windows ab Version 3.11, 198 Fr.

Arno Schmidt: Werke und Konkordanz. Die Bargfelder Ausgabe auf CD-ROM. Haffmans Verlag, Zürich 1998. Für Windows ab Version 3.1, auf Mac mit einem Windows-Emulator, 320 Fr.

Rainer Baasner/ Georg Reichard: Epochen der deutschen Literatur: Für Windows ab Version 3.1, 49.90 Fr.
1. Aufklärung und Empfindsamkeit. Reclam / Directmedia 1998.
2. Sturm und Drang, Klassik. Reclam / Directmedia 1999.

LiteraMedia. Terzio Verlag 1998, für Windows ab Win 95, 27 bis 32 Franken.

 

 

Zurück zum Anfang