Das schöpferische Genie unserer Sinne

Drei Versuche, unsere Sinnlichkeit zu ergründen

von Beat Mazenauer

 

Es gibt Fertigkeiten, die alle Menschen zu tun imstande sind. Diese Tatsache allein nährt den Verdacht, dass es sich hiebei um einfache Verrichtungen handeln muss. Doch weit gefehlt. Gerade das Schwierigste ist Allgemeingut: nämlich das sinnliche Wahrnehmungsvermögen des Menschen. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Spüren sind hochkomplexe Vorgänge, in die das gesamte Gehirn involviert ist. Was durch die Sinnesorgane hinein geht, wird scheinbar endlos miteinander verknüpft, um am Ende ein klares Bild, einen schlichten Ton, einen schalen Geschmack hervorzurufen. Was Menschen so im Alltag leisten, können etwa Computertechniker einschätzen. Ihre Versuche, menschliches Sinnesvermögen auf die Maschine zu übertragen, zeitigt zwar laufend Erfolge, doch steckens ie noch immer in rudimentären Anfängen.

Unter den Sinnen nimmt das Sehen eine hervorragende Stelle ein. Im Sehvermögen kristallisiert sich das „schöpferische Genie“ des Menschen, nennt der Kognitionswissenschaftler Donald Hoffman die Fähigkeit, das Wunder des Sehens täglich unter Beweis zu stellen. „Sehen ist nicht nur ein Vorgang passiver Wahrnehmung, sondern ein intelligenter Prozess aktiver Konstruktion.“ So lautet seine Grundthese, die Hoffman allgemein verständlich darzulegen und anschaulich zu machen versucht. Was wir sehen (überhaupt wahrnehmen), bringen wir dergestalt in Form, dass wir es verstehen. Dabei wirken verschiedenste Teile im Gehirn aktiv mit. Anhand von Spezialfällen der Sehwahrnehmung: körperlicher Behinderung einerseits, andererseits Trompe l’oeil- und ähnlichen Effekten, lässt sich demonstrieren, wie dieser Prozess abläuft, das heisst ablaufen könnte, denn vieles kann noch nicht hinreichend erklärt werden.

So komplex das Sehvermögen organisiert ist, so schnell wird es vom Menschen beherrscht. Dies deutet auf angeborene Regeln hin, die das Kleinkind mit dem ersten Augenaufschlag anzuwenden vermag. „Regeln des universellen Sehens“ nennt sie Hoffman.

Wie nun vollzieht sich dieser Prozess. An einfachen 3-D-Darstellungen lässt es sich andeuten. Schematische Bilder, die auf der Ebene eines Blattes Papier drei Dimensionen darstellen, sind grundsätzlich mehrdeutig. Dennoch vermögen wir zu unterscheiden, ob ein dargestelltes Objekt flächig oder räumlich zu sehen ist - oft jedenfalls. Als Grundregel kann dabei gelten: „Konstruiere nur die visuellen Welten, für die das Bild eine dauerhafte (d.h. reguläre) Ansicht liefert.“ Im Falle von Würfeldarstellungen heisst dies, dass sich verschiedene Linien nicht decken dürfen. Tun sie es doch, konstruieren wir sie zuerst auf einer zweidimensionalen Fläche etwa in Form eines regelmässigen Sechsecks. Dies weiter gedacht, vermögen wir sogar wahrzunehmen, was eigentlich nicht zu sehen ist, zum Beispiel ein imaginäres Dreieck, das sich ergibt, wenn wir „der Einfachheit halber“ die drei angeschnittenen Kreisfiguren zusammendenken. Oder einen blauen Tatzelwurm, den wir im Auge ergänzen, obgleich er nicht auf dem Blatt steht.

Die einfachen Beispiele zeigen, wie komplex der Sehprozess ist, wenn wir ihn analytisch begreifen wollen. Mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad stossen wir auf Erscheinungen, für die selbst der Kognitionswissenschaftler keine Erklärungen hat. Hoffman akzeptiert diese Grenzen des Wissens, ohne aber voreilig klein beizugeben. So erfahren wir aus seinem Buch eine Menge spannender Einsichten, wie wir Dreidimensionalität, Farbigkeit und Bewegung erkennen, das heisst konstruieren, um einen visuellen Eindruck der Wirklichkeit zu erzeugen.

Sie nachzuvollziehen ist jedoch nicht immer einfach, obwohl sich Hoffman sehr um Anschaulichkeit bemüht und dafür eine Menge Zeichnungen und Skizzen beibringt. Insbesondere wenn es um bewegte Bilder geht, versagt nicht nur die Erklärbarkeit, sondern auch die Anschaulichkeit im Medium Buch. Da freilich weiss die neue Technik Rat. Auf seiner Website, dem Anhang zum englischen Internet-„Abdruck“ seines Buches, hat Hofmann einige hübsche Animationen eingerichtet, die uns ebensogut animieren wie instruieren.

Die Technik vermag also Sehhilfe zu leisten. Neuere Forschungen auf dem Gebiet des Computersehens sind durchaus erstaunlich, doch zugleich erstaunlich begrenzt. „So leistungsfähig und beeindruckend diese Technologien auch sind, sie vermitteln, nur eine schwache Ahnung von den Dingen, auf die wir uns gefasst machen müssen, wenn wir das schöpferische Genie unseres geistigen Auges noch eingehender erforschen.“

„Alle Anschauung ist eine intellektuelle“, heisst es bei Schopenhauer. Donald D. Hoffman demonstriert es. Wir konstruieren, was wir sehen. Die daraus zu gewinnende Einsicht ist auch in übertragenem Sinne hilfreich. Visuelle Intelligenz funktioniert nämlich nicht allein, sondern im Zusammenklang mit emotionaler Intelligenz und mit Erfahrungswissen. Damit aber kommen Bewertungskriterien ins Spiel, die der Behauptung von Objektivität erst recht widersprechen. Das Sehen als Fundament von Erkenntnis besitzt demnach stets subjektive Anteile. „So ging der Geist, wohin das Sehen zeigte“ (Hans Jonas).

Wo das Sehen jedoch nirgendhin zeigt, kann ihm der Geist nicht folgen. Die einzelnen Kapitel leitet Hoffman jeweils mit medizinischen Fallbeispielen ein von Menschen, die an partiellem Sehverlust leiden, also zum Bespiel keine Gesichter erkennen können. Der englische Neurophysiologe Jonathan Cole hat solchen Phänomenen ein höchst interessantes Buch gewidmet: „Über das Gesicht“.

Ein Gesicht machen, Gesichte haben, das Gesicht wahren, es verlieren. Das Gesicht ist ein Tor zum Menschen, der Spiegel seiner Seele. Eine Sentenz von Georg Christoph Lichtenberg trifft den Kern der Sache: „Man kann das Gesicht eines redlichen Menschen sehen, man kann es aber auch gewissermassen fühlen, das letztere ist das erstere verbunden mit einer Rücksicht auf das moralische Gute, womit wir in ihm oft die Mienen begleitet sehen.“

Redensarten neigen zwar zum Gemeinplatz, aber sie reden auch wahr, wie Cole belegt. Das Gesicht verlieren, sensuell und körperlich, bedeutet eine einschneidende Beschränkung im täglichen Leben. Ohne die Mimik, die unsere Kommunikation stets begleitet, verliert das soziale Wesen Mensch einen zentralen Haltepunkt, der ihm Orientierung und Verständnis erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht. Cole veranschaulicht es am Beispiel von blinden und autistischen, von an Gesichtslähmung und an Parkinson erkrankten Menschen. Formen des Gesichtsverlusts mit gravierenden sozialen, psychischen Folgen.

Die menschliche Mimik ist ein zentrales Interaktionsorgan, das mit seiner sinnlichen wie motorischen Komplexität über die einfachen Kodes, die sozialen Displays der Primaten hinausgeht. Je komplexer dieses System ist, desto differenzierter, „intelligenter“ ist die soziale Ordnung. Deshalb beginnt schon das Kleinkind seine individuelle Sozialisation, indem es mimische Muster zu imitieren versucht.

Können aber keine mimischen Signale ausgesendet werden, kommen auch keine mehr zurück. Im Gegenteil werden mimisch „maskierte“ Menschen wegen ihrer Ungerührtheit oft für blöde und stumpf gehalten, ungeachtet ihrer intakten Wahrnehmung. Diese Ausgrenzung bedrückt, nagt am Selbstvertrauen, macht argwöhnisch, lethargisch und am Ende tatsächlich emotionslos. In letzterem liegt die Brisanz von Coles Darlegungen. Gesicht und Emotion stehen in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Der Lachmuskel ist Ausführender wie Auslöser von Fröhlichkeit.

An der Mimik hängen demnach nicht nur Verständlichkeit (etwa von Ironie) und Redlichkeit, Cole zitiert mehrfach einen Satz von Maurice Merleau-Ponty: „Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fühle, wie er in meinem lebt.“ Mimische Signale versichern dem einzelnen Menschen, dass er selbst wahrgenommen wird und auch wahr nimmt. Das Lachen drückt Frohsinn aus und lädt ein zur Nachempfindung. Autistische Personen leiden gerade daran, dass sie dieses sich Hineinversetzen ins Gegenüber nicht leisten können. Sie bleiben ungerührt in sich selbst verschlossen. Menschen mit Gesichtslähmung dagegen zeigen äusserlich dieselben Symptome aufgrund ihrer Disposition, aber sie empfinden mit - unerkannt.

„Das Stigma eines ungewöhnlichen Gesichts mag zur Folge haben, dass andere Menschen keine soziale Interaktion und kein emotionales Engagement initiieren.“ Fehlt das Feedback, droht die Emotion auszutrocknen, da diese im Gleichgewicht mit dem Körper / Gesicht steht. Wer die Mimik verliert, verliert das zugehörige Gefühl und fällt, wie ein an Gesichtslähmung Erkrankter es ausdrückte, in ein „emotionales Niemandsland“.

Differenziert und mit viel Einfühlungsgabe dokumentiert Cole diesen Gesichtsverlust, der fast immer zu einer Art autistischen Abschottung von der Aussenwelt führt, die nur gegen grösste innere Widerstände überwunden werden kann. Dies zu lesen ist eindrücklich.

Der kulturgeschichtliche Aspekt, der im allgemein gefassten Titel dieses Buches mitschwingt, bleibt allerdings ausgespart. Ihm ist dafür die „Geschichte der Sinne“ von Robert Jütte gewidmet. Dass die Prozesse des Sehens bis heute nicht restlos ergründet sind, weist auf die Schwierigkeiten hin, die Naturforschende seit je her mit dem Sehvermögen bekundeten. In der griechischen Antike herrschten „Ansichten“ vor, wonach das Auge aktiv auf die Objekte oder diese aktiv auf das Auge einwirken würden. Erst der arabische Gelehrte Ibn Al-Haytham verband ums Jahr 1000 den Vorgang des Sehens mit der Brechung von Licht. Vergleichbar verhielt es sich mit den anderen Sinnen, deren Fünfzahl ebenfalls eine kulturelle Konstruktion ist, die wesentlich auf der symbolischen Bedeutung der Zahl 5 gründet. Unter diesen fünf Sinnen behauptete der Gesichtssinn seit der Antike eine hervorragende Stellung, auch wenn die Begründungen dafür höchst unterschiedlich ausfallen. Ovid etwa erklärte die Bevorzugung dadurch, dass der nach vorn gerichtete Blick nicht mehr zur Erde schaue, sondern erlaubt, „den Himmel zu sehen und das Gesicht aufrecht zu den Sternen zu erheben“. Diese Vorrangstellung wurde durch den Buchdruck und später die Fotografie respektive den Film befestigt: der Sehsinn ist laut Leonardo da Vinci „der Gebieter und der Fürst“ der anderen Sinne. Bis heute kommt dem Sehen eine entscheidende Bedeutung zu, wenn es darum geht, zu bestimmen, was und wie wir „wahrnehmen“.

Die menschliche Sinnlichkeit basiert im Grunde auf einer kulturellen Konstruktion. „Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte“, schrieb Marx. Deshalb unterliegt er über die biologischen Bedingungen hinaus dem kulturellen und sozialen Wandel. Robert Jütte zeichnet diese Geschichte materialreich und anschaulich nach: von den antiken Annäherungen über die sensualistische Empfindsamkeit bis hin zur postmodernen Neuerfindung der Sinnlichkeit und ihrer versuchten Virtualisierung im Cyberspace. Kennzeichnend, doch wenig beachtet an letzterem Kapitel ist die Tatsache, dass Hör-, Seh- und sogar Tastsinn informationstechnisch übermittelt werden können, dass sich Riechen und Schmecken der Digitalisierung aber hartnäckig verweigern. Vor allem der Geschmackssinn hat bisher all den Versuchen getrotzt, die ihn künstlich nachzubilden versuchten. Marcel Prousts Madeleine-Effekt verweist auf die ungreifbare Kraft dieses gerne vernachlässigten Sinnes.

Es erweist sich als äusserst anregend, die menschlichen Sinne in ihrer historischen Wandelbarkeit zu verfolgen. Allerdings ist dieser Versuch, wie Jütte selbst eingesteht, mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. So wie wir selbst heute nicht immer genau wissen, worin unsere Sinnlichkeit besteht: in der passiven Überzeugung durch Werbung und Moden, oder in der aktivierten sinnlichen Differenzierung, so muss die historische Interpretation mit Fragezeichen versehen werden. Aus der Distanz ist nicht immer zweifelsfrei zu entscheiden, was sinnliches Vermögen, was modische Norm ist. Alles untersteht dem Wandel: die Wahrnehmung, die Objekte der Wahrnehmung, die kulturellen Normen und der theoretische Diskurs über die sinnliche Wahrnehmung. Zudem verwischen sich die Grenzen dazwischen laufend.

Ein einzelnes Buch von 400 Seiten vermag die vielschichtige Sinnesgeschichte allein nicht darzustellen. Doch eingedenk dieses Vorbehaltes liest sich Robert Jüttes Buch als eine spannende Zeitreise, die zugleich eine Reise in unsere eigenen Sinnesgewohnheiten ist. Wie weit, fragt sich hier immer wieder, sind wir eigentlich unserer eigenen Sinnlichkeit, unserer Wahrnehmungsstärken bewusst. Wie weit lassen wir uns sinnlich verführen, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Angesichts der oft beklagten Überreizung heutzutage ist ein solches Bewusstsein kein leichtes Unterfangen. Doch war es früher anders? Schon Seneca jedenfalls klagte über Lärm und Gestank auf den Strassen Roms.

 

 

 

 

 

Donald D. Hoffman: Visuelle Intelligenz. Wie die Welt im Kopf entsteht. Übers. von Hainer Kober. Klett-Cotta, Stuttgart 2000.
> Website

Jonathan Cole: Über das Gesicht. Naturgeschichte des Gesichts und unnatürliche Geschichte derer, die es verloren haben. Übers. von Ulrich Blumenbach. Verlag Antje Kunstmann, München 1999.

Robert Jütte: Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace. C.H.Beck, München 2000.